Andersrum

Ich habe heute und vorgestern etwas getan, das ich seit Jahren nicht mehr gemacht hatte: Vom Deutschen in eine andere Sprache (in diesem Falle Französisch) übersetzt.
An der Uni hatten wir entsprechende Kurse, es wurde uns damals aber gesagt, dass wir das wahrscheinlich nach dem Studium nie wieder würden machen müssen. Es war ein Romanistikstudium, das ohnehin nicht dazu gedacht war, künftige Übersetzer_innen auszubilden und dass Menschen in eine andere als ihre Muttersprache übersetzen ist in Deutschland ohnehin weniger üblich. Soweit ich es mitbekommen habe, werden Übersetzer_innen in Italien darauf vorbereitet, auch in ihre (meistens zwei) studierten Fremdsprachen zu übersetzen, die Ergebnisse lassen aber oft zu wünschen übrig.
In der internationalen Übersetzer_innen-Community löst die Frage „Auch in die Fremdsprache übersetzen – ja oder nein?“ immer wieder Glaubenskriege aus. Die Leute sind dafür oder dagegen, je nachdem, aus welchem Land sie kommen und was sie als normal und üblich ansehen. Und dann melden sich natürlich noch die Menschen zu Wort, die mehr als eine Muttersprache haben und problemlos von einer in die andere übersetzen.
Ich gehöre zur „Dagegen“-Fraktion. Nach Abschluss meines Studiums landete ich zunächst in einem Ausbeuterpraktikum wie es im Buche steht (dass ich damals innerhalb von ca. 7 Monaten ungewollt 10 Kilo abnahm, führe ich u.a. auf den Ärger dort zurück), wo ich jede Menge dummes Zeug machen und u.a. auch aus dem Deutschen ins Italienische und Französische übersetzen musste. Ich hatte in den entsprechenden Kursen an der Uni keine schlechten Noten gehabt, fühlte mich aber stets hilflos bzw. unbeholfen, als müsste ich mit schweren Gewichten an den Füßen laufen. Besonderen Kummer bereitete mir die Tatsache, dass niemand da war, dier meine Texte hätte korrigieren können – mit regelmäßigem Feedback von einer_m Muttersprachler_in hätte ich ja noch etwas lernen können. So sagte ich mir, als meine Zeit in jenem Büro zu Ende war: Nie wieder!
Erstaunlicherweise gehen andere Menschen, mit denen ich mich über meinen Beruf unterhalte, häufig selbstverständlich davon aus, dass Übersetzer_innen auch in ihre Fremdsprachen übersetzen. Ich erkläre denen dann jedes Mal (ich weiß nicht, ob ich in meinem bisherigen Leben mehr Fragen zu Asexualität oder zum Übersetzer_innenberuf beantworten musste *stöhn*), dass es da verschiedene Sicht- und Verfahrensweisen gibt, dass ich persönlich aber nur in meine Muttersprache übersetze, denn: Würde ich ins Italienische oder Französische übersetzen, wäre am Ende das Ergebnis schlechter als wenn ein_e Muttersprachler_in in einer dieser Sprachen, dier Deutsch gut beherrscht, am Werk gewesen wäre und länger würde ich außerdem brauchen. Wozu sollte ich das machen?
Nun habe ich also doch einmal eine Ausnahme gemacht: Eine Freundin von mir macht im Moment Praktikum in einer Tierschutzorganisation, die wollen eine Umfrage unter Tiermediziner_innen weltweit veranstalten und brauchen Anschreiben und Fragebogen (insgesamt vielleicht 500 Wörter, also nicht viel) in diversen Sprachen. Meine Freundin fragte mich, ob ich die Übersetzung ins Französische ehrenamtlich übernehmen würde und ich stimmte zu; ehrenamtlich übersetze ich sowieso ab und an und hier kam es nicht auf ein perfektes Ergebnis an, sie brauchten ganz einfach das Material in verständlichem Französisch.
Ich habe die Sache einerseits als anstrengend und anderseits als vergnüglich empfunden. Ratschläge unseres Dozenten (Franzose) aus dem Übersetzungskurs de>fr vor 6 Jahren oder wann das war kamen mir wieder in den Sinn (generell mehr Verben verwenden als im deutschen Text und dreimal nachdenken, bevor man irgendwo avec hinschreibt). Diesmal war es keine Hausaufgabe, die wir zusammen korrigieren würden, dafür konnte ich mir in einem Forum für Übersetzer_innen helfen lassen. Mir ist aufgefallen, dass ich gar nicht so oft das Wörterbuch Deutsch-Französisch benutzt habe, sondern mir oft gleich eine mögliche französische Lösung einfiel und ich dann im Robert nachschaute, ob das betreffende Wort das hergab, was ich dachte. Und was mir beim Übersetzen ins Deutsche längst nicht mehr auffällt, wurde mir hier wieder bewusst: Man übersetzt keine Wörter, man übersetzt Sätze bzw. Sinneinheiten. Wort für Wort vorzugehen bringt einen absolut nicht weiter (unser französischer Dozent warnte uns oft davor).
Würde ich’s wieder tun? Zwischendurch als Übung, um mal eine andere Sicht auf die Dinge zu bekommen: ja. Als richtige Arbeit: nein

P.S.: Jetzt habe ich zufällig noch einen Artikel über die Übersetzerei gefunden, der gut zu dem passt, was ich in diesem Post schrieb; wer ihn lesen möchte, klicke hier.


3 Antworten auf „Andersrum“


  1. 1 tschellufjek 17. Juli 2014 um 22:05 Uhr

    Ich teile deine Einstellung zum Thema Übersetzung von der Muttersprache in die Fremdsprache. Es ist zwar durchaus machbar, aber das Resultat ist selten bombastisch.
    Da die deutsche Sprache sehr auf das Substantiv zentriert ist und Präpositionen eine sehr starke Position im Satz einnehmen, liegt die komplette Konzentration eines französischen Satzes auf dem Verb und bei der Positionierung von Präpositionen wie „de“ muss insbesondere ein_e deutsche_r Muttersprachler_in höllisch aufpassen. Es folgen dann häufig Umschreibungen, die zwar sprachlich korrekt, aber seltsam in den Ohren eines_r frz Muttersprachlers_in klingen. Da die Sprache sich ständig verändert, muss der_die Übersetzer_in schon in dem jeweils anderen Land leben, um stets eine moderne und perfekte Übersetzung liefern zu können. Dies gilt vor allem für Sprüche, Anspielungen oder Witze. Ich erinnere mich noch gut an einen Zeitungsartikel, den wir ins Französische übersetzen mussten. Dieser handelte von dem Gründer des Unternehmens „Hipp“. Da lautete ein Zwischentitel „Hipp ist hip“. Dies in einen einigermaßen vergleichbar klingenden französischen Satz mit derselben Bedeutung zu transformieren war eine nahezu unmögliche Mission.

  2. 2 Trippmadam 05. August 2014 um 21:38 Uhr

    Was die Übersetzerausbildung in Italien betrifft, so kenne ich von einem Auslandssemester her nur die Uni Triest (ich habe zunächst Italienisch als Hauptfach/1.Fremdsprache sowie Englisch als 2. Fremdsprache studiert und abgeschlossen). Ende der 80er wurde da sehr viel mehr in die zweite Fremdsprache übersetzt als das in Deutschland üblich war. Allerdings fehlte es an muttersprachlichem Lehrpersonal, so dass ich die Qualität und die Ergebnisse der Lehre nicht zu beurteilen wage.

    Danach habe ich Spanisch an Sprachschulen gelernt, aber nie an einer spanischen Hochschule studiert, deshalb weiß ich nicht, wie es dort gehandhabt wird. In meinem Arbeitsbereich übersetze ich auch in die Fremdsprache, aber da handelt sich in der Regel um Texte, die in sprachlicher Hinsicht recht einfach strukturiert sind.

  3. 3 Fiammetta de Bornelh 06. August 2014 um 8:32 Uhr

    Vielen Dank für die Ergänzung auch hier. :)
    Wenn ich von dem spreche, was Übersetzer_innen aus Italien so tun, meine ich damit in erster Linie meine eigene Generation, die in den 80er Jahren geboren wurde, daher ist es für mich interessant zu erfahren, wie die vorherige ausgebildet wurde.
    Mir ist selbst im Nachhinein noch eingefallen, dass ich eine Übersetzerin kenne, die deutsche Muttersprachlerin ist und aus dem Englischen ins Deutsche und umgekehrt übersetzt. Sie hat jahrelang in England gelebt, daher nehme ich ihr ab, dass sie das kann – und außerdem hat sie auch nur zwei Sprachkombinationen, da sie eben zwischen zwei Sprachen hin und her übersetzt. Das geht wahrscheinlich noch, da kann ich mir eher vorstellen, dass gute Ergebnisse dabei herauskommen. Wenn ich mir dagegen ausmale, ich müsste in meine BEIDEN Ausgangssprachen übersetzen und hätte dann insgesamt vier Kombis – um Himmels Willen.

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