Geschlechtsneutral in der Romania

Hin und her geht es im deutschen Sprachraum – sollte man, wenn alle Geschlechtsidentitäten angesprochen werden sollen und keine ausgeschlossen werden werden soll, Sternchen oder Unterstriche verwenden? Wie dekliniert man sier? Darf man überhaupt „man“ sagen und schreiben? (Manche_r sagt nein, ich verwende das Wort, da ich es als neutral empfinde und es mir allzu beschwerlich und gekünstelt erschiene, Sätze wie „da weiß mensch dann gar nicht, was mensch machen soll“ zu äußern). Natürlich machen sich auch Menschen in anderen Ländern / Sprachräumen Gedanken über dieses Thema; soweit ich weiß, kann man im Englischen das Pronomen they im Singular verwenden, wenn man weder he noch she sagen möchte. Auch in den Ländern, in denen romanische Sprachen gesprochen werden (und in denen ich mich besser auskenne als in der englischsprachigen Welt), haben Menschen Ideen, wie sich diese Art von Neutralität herstellen lässt und darüber möchte ich heute ein wenig berichten.
Eine grundsätzliche Information vorweg: Romanische Sprachen haben ebenso wie das Deutsche Pronomen (sowas wie du, dieser, unsere); der Unterschied zu unserer Sprache liegt in der Tatsache, dass Adjektive sich in Genus und Numerus (also Geschlecht und Anzahl) an das Substantiv oder Pronomen anpassen, auf das sie sich beziehen. Wenn ich z.B. sage „Ich bin müde“, lässt sich daraus keine Information über mein Geschlecht ableiten, während ich auf Italienisch „sono stanca“, mein Nachbar aber „sono stanco“ sagen müsste (französisch: je suis fatigué/fatiguée – hier klingt das Adjektiv in der gesprochenen Sprache gleich, einen hörbaren Unterschied gibt es aber bspw. bei heureux/heureuse, „glücklich“ –, spanisch, wenn ich mich nicht irre, „estoy cansado/cansada“). Neutrale Lösungen müssen also auch hier gefunden werden.
Ein weiterer Unterschied zwischen den romanischen Sprachen und dem Deutschen: Wir haben drei Genera, sie nur Maskulinum und Femininum und kein Neutrum (die ambigenen Substantive im Rumänischen lasse ich jetzt mal unter den Tisch fallen). Das Lateinische hat ein Neutrum und kennt natürlich auch entsprechende Pronomen (wie unser „es“) und darauf haben manche Italiener_innen zurückgegriffen: Eine Person, die nicht lui und nicht lei ist, kann id sein. Das lateinische Neutrum wird teilweise auch dann wiederbelebt, wenn eine neutrale Endung für ein Adjektiv benötigt wird – eine nicht-binäre Person kann von sich sagen „sono stancum“. Die zweite Möglichkeit ist ein Sternchen, also „sono stanc*“. Dies funktioniert allerdings nur in der geschriebenen Sprache, in der gesprochenen dürfte es schwierig werden (wobei ich mich auch frage, wie Italiener_innen das Pronomen id und die Endung -um aussprechen, die haben nämlich große Schwierigkeiten, Wörter zu artikulieren, die auf einen Konsonanten enden, weil es so etwas in ihrer Sprache nicht gibt. Ich habe eine Zeitlang in Italien gelebt und trug damals einen Vornamen, auf den genau dies zutraf – es wurde immer noch eine Art Schwa angehängt, anders bekamen die Leute ihn nicht über die Lippen).
Ebenfalls nur aus Foren, von Websites etc. weiß ich, was in Frankreich so gemacht wird. An Pronomen ist mir z.B. schon ille im Singular und illes im Plural begegnet (traditionelles Französisch: Singular il/elle, Plural ils/elles) – mehr Ideen für geschlechtsneutrale Fürwörter im Französischen hier. Was die Adjektive betrifft, verwendet z.B. AVA (das französische Pendant zu AktivistA) Formen wie seul·e·s („allein“, geschlechtsneutral Plural, der Singular würde seul·e lauten). Dieses halbhohe Pünktchen finde ich nun entzückend und irgendwie kurios, da es in der Geschichte der französischen Schriftsprache soweit ich weiß gar nicht vorkommt – in altokzitanischen Texten findet man es dagegen und im geschriebenen Katalanischen gehört es heute zum täglichen Brot. Mit Strichen wird aber zum Teil auch gearbeitet – eine nicht-binäre Person im französischen AVEN-Forum schrieb so und sagte z.B. von sich, sie wolle pierceur-se (Piercer_in) werden.
So viele nette Zeichen, die man verwenden kann – auf Spanisch habe ich schon Sachen wie hola a tod@s (Hallo an alle) gesehen und vermute, dass das eine neutrale Alternative zu todos bzw. todas sein soll. Was das Spanische betrifft, bewege ich mich aber auf recht dünnem Eise, im Grunde habe ich meine gesamten Sprachkenntnisse aus irgendwelchen Liedern, von denen viele sephardisch sind.
Soweit meine Ausführungen. Ergänzungen erwünscht!


8 Antworten auf „Geschlechtsneutral in der Romania“


  1. 1 tschellufjek 08. Juli 2014 um 10:59 Uhr

    Die Sache mit dem „man“ ist wirklich schwierig. Ich versuche es wegzulassen, allerdings rutscht es immer mal wieder heraus. Anders als das frz „on“ klingt „man“ wie die Bezeichnung unseres maskulinen Mitmenschen :) Ich denke, dass dies ein Grund für den Versuch, dieses Pronomen beiseite zu lassen, ist.

    Dein Artikel hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es diese Debatte um eine genderneutrale Sprache kaum in anderen Ländern gibt. Zumindest hier in Frankreich habe ich noch nie etwas davon gehört oder gelesen (nicht einmal im universitären Bereich). Was das Spanische angeht, muss ich bei Gelegenheit mal eine spanische Freundin fragen. A voir!

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 08. Juli 2014 um 14:00 Uhr

    Da ich nicht in den betreffenden Ländern lebe, kann ich schlecht einschätzen, inwiefern geschlechtsneutrale Sprache in Italien und Frankreich ein Thema ist und wie viele Menschen sich über solche Dinge Gedanken machen. Meine Referenzen sind da in erster Linie die AVEN-Foren, in denen ich mitlese.
    Im deutschsprachigen Raum scheinen solche Bemühungen doch nicht mehr sooo selten zu sein, im Programm zu „48 Stunden Neukölln“ (einem größeren Kunstfestival in Berlin-Neukölln) war z.B. von Künstler*innen die Rede.
    Das französische Pronomen „on“ kommt übrigens ebenso wie das Substantiv „homme“ vom lateinischen „homo“, man merkt es ihm aufgrund der unterschiedlichen lautlichen Entwicklungen nur nicht mehr an.

  3. 3 tschellufjek 08. Juli 2014 um 14:16 Uhr

    Ahhh, ich hätte vielleicht doch mal Latein lernen sollen :)
    Ich habe vorhin mal mit meinen Arbeitskolleginnen darüber gesprochen und die haben mich nur blöd angeschaut, als ich über genderneutrale Sprache gesprochen habe. Sie haben noch nie etwas davon gehört..

  4. 4 Fiammetta de Bornelh 08. Juli 2014 um 14:23 Uhr

    Latein ist super und nutzt einem immer wieder *Propaganda mach*!
    Diesmal bist du übrigens nicht in der Spam-Abteilung gelandet und ich wurde sofort über deinen Kommentar benachrichtigt. Weiß der Geier, was für ein Mechanismus dahinter steckt…

  5. 5 Carmilla DeWinter 10. Juli 2014 um 22:33 Uhr

    Interessant, auch im Hinblick darauf, dass ich der Weltenschmiede einen Beitrag über genderneutrale Pronomen versprochen habe.

    „Man“, ja das ist schwierig. Gesprochen kriege ich es fast nicht vermieden, sage aber manchmal „eins“, und häufiger auch „mer“, was hier bei uns unten in Süddeutschland auch „wir“ heißen kann, also ähnlich wie „on“ verwendet wird… Ursprünge: keine Ahnung.

    Außerdem kann es schon mal vorkommen, dass ich zwei Kindern unterschiedlicher Genderpräsentation mit „jedes von euch“ Anweisungen gebe.

    Das halbhohe Pünktchen ist lustig, aber ich wüsste gar nicht, wo ich da auf meinem Computer anfangen soll zu suchen. Das „tod@s“ hat auch was, weil es a und o um Schriftbild verbindet. Aber wie ein @ aussprechen? Beim Sternchen kann ich wenigstens eine Pause machen.

  6. 6 Fiammetta de Bornelh 11. Juli 2014 um 8:34 Uhr

    Ich wüsste auch nicht, wie ich das lustige Pünktchen schreiben soll, habe für mein Beispiel einfach von der Seite der AVA kopiert.
    Dass es in eurem Dialektgebiet ein Wörtchen gibt, das „wir“ oder „man“ bedeuten kann, finde ich interessant, weil im heutigen gesprochenen Französisch häufig „on“ statt „nous“ verwendet wird („Was machen wir heute Abend“ heißt dann „Qu‘est-ce qu‘on fait ce soir ?“).
    So etwas wie „jedes“ habe ich auch schon hier und dort gehört, habe den Eindruck, dass das vor allem an Kinder gerichtet verwendet wird.
    Wie Sprecher_innen des Spanischen das @ aussprechen – keine Ahnung. Viele solcher Möglichkeiten, sich neutral auszudrücken, sind halt eher für die Schriftsprache gedacht, wie ich in Bezug auf „id“ schon andeutete.
    Sag Bescheid, wenn dein Beitrag für die Weltenschmiede erschienen ist!

  7. 7 Trippmadam 05. August 2014 um 21:04 Uhr

    Im Spanischen sind zur Zeit, so weit ich weiß, folgende Varianten im Gebrauch (als Beispiel nehme ich das Wort „amigo“)

    amigos – das Maskulinum schließt im Plural das Femininum mit ein
    amigos y amigas – Freunde und Freundinnen
    amig@s – siehe oben, kenne ich nur aus dem Internet, männlich und weiblich
    amigxs – männlich, weiblich und weder/noch, kenne ich bisher auch nur aus dem Internet.

    Bei Wörtern, die auf -nte ändern, z.B. el/la estudiante (der Student/die Studentin) habe ich auch einige Male die weibliche Form nach dem Muster „la estudianta“ gelesen, aber das fand ich unlogisch und hässlich. Ich bin jedoch keine Muttersprachlerin, deshalb habe ich in puncto Ästhetik nichts zu sagen.

  8. 8 Fiammetta de Bornelh 06. August 2014 um 8:22 Uhr

    Vielen Dank für Ihre Ergänzung! Ich hatte heimlich gehofft, dass Sie als Spanischkönnerin sich hier noch äußern würden.
    Im Italienischen gibt es auch Substantive, die männlich oder weiblich sein können, z.B. „insegnante“, Lehrer/Lehrerin. Hier in der weiblichen Form ein -a hinten anzuhängen („insegnanta“) fände ich auch unlogisch bzw. etymologisch unsinnig. Soweit ich weiß macht das auch niemand.

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