Krieg, Familie und ein wenig Zweig

Die Bibliothek hatte noch ein weiteres Buch von Irène Némirovsky für mich – wiederum eine Sammlung von Erzählungen, Dimanche (Paris 2011). Die einzelnen Texte sind zwischen 1934 und 1941 hier und dort erschienen, zum Teil unter Pseudonym. Ich war wiederum sehr beeindruckt und habe in letzter Zeit festgestellt, dass von den Leuten, mit denen ich mich so unterhalte, niemand die Autorin kennt. Ein Grund mehr, ihr noch einen zweiten Artikel auf diesem Blog zu widmen. (Achtung: lang!)
Schauplatz der Erzählungen ist meistens die Familie, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen Ehepartnern oder zwischen Geschwistern werden beleuchtet. Die Beziehung zwischen den Generationen ist oft gestört, da eine oder beide Seiten zu sehr von ihrem eigenen Egoismus beherrscht werden. Der Egoismus ist, soweit wage ich mich jetzt einmal vor, eines der wichtigsten Themen dieser Sammlung, viele der Figuren handeln egoistisch und verhalten sich rücksichtslos. Gleichzeitig wird immer wieder deutlich, dass wir alle nur Menschen und als solche nicht fehlerlos sind, einige Schwächen verzeiht dier Leser_in den handelnden Personen, weil sie siem selbst nicht fremd sind.
Die letzten beiden Erzählungen in diesem Band, Le spectateur und M. Rose, sind thematisch in der Nähe der Suite française anzusiedeln, sie spielen im Krieg, der über Frankreich hereingebrochen ist. Hugo, der „Zuschauer“, ist einst explizit als Egoist bezeichnet worden (S. 365), lebt gut mit diesem Etikett und hat nicht den Wunsch, etwas an seiner Einstellung und seinem Verhalten zu ändern. Als sein Schiff angegriffen wird, ist der ewig Unbeteiligte auf einmal selbst von Unglück betroffen. Eine Strafe für seine Lebensführung? Monsieur Rose, der sehr ähnliche Züge hat, rettet sein Leben durch einen Akt des Altruismus – da er sich geweigert hat, ohne seinen jungen Begleiter in ein Auto einzusteigen, in dem Platz für ihn, aber nur für ihn, gewesen wäre, kommt er bei der Sprengung der Brücke nicht ums Leben.
Parallelen sehe ich auch zwischen den ersten beiden Erzählungen dieser Sammlung, Dimanche und Rivages heureux. Wir haben ein junges Mädchen, das in einem Lokal auf seinen Freund wartet – für eine der beiden wird das Warten sich lohnen, für die andere nicht – und einen älteren Gegenpart, in einem Falle die eigene Mutter, im anderen eine auf den nächsten Gönner wartende ausgehaltene Frau, die zufällig im gleichen Lokal sitzt. Mutter und Tochter sind einander ähnlicher als sie denken, verbergen aber ihre Gefühle und Erlebnisse voreinander und beneiden einander um Dinge, die eher Vorstellung/Projektion als Wirklichkeit sind. Nadine und Christiane sind beide einerseits eitel und von sich überzeugt und andererseits unsicher und von anderen, vor allem von ihren Freunden, abhängig. Ginette, Christianes Barbekanntschaft, deren langjähriger Freund starb und sie mittellos zurückließ, fühlt sich ihrer Hoffnung und Kraft beraubt, sie beneidet die jüngere und privilegiertere Christiane, die sich herablässt, mit ihr zu plaudern. Ihr, der Unbekannten, erzählt sie ihr Leben; hier taucht zum ersten Mal in dieser Sammlung das für Stefan Zweig so typische Motiv der Lebensbeichte auf (nein, meine fixe Idee, dass Zweigs Werk das Némirovskys beeinflusst hat, hat mich noch nicht verlassen :) ).
Die Bindung zwischen Geschwistern steht in Liens du sang im Mittelpunkt; es wird die Frage gestellt, ob sie oder die Bindung zwischen Ehepartnern stärker ist. Der vermutete baldige Tod der Mutter lässt die drei verheirateten Brüder und die geschiedene Schwester enger zusammenrücken, doch als die Gefahr abgewendet ist, müssen sie sich entscheiden, wer ihnen näher steht und wem gegenüber sie mehr zu Loyalität verpflichtet sind.
Sehr nahe scheinen sich die beiden Brüder in L‘inconnu zu stehen, von denen einer eine überraschende und tragische Entdeckung gemacht hat: Ihr Vater ist gar nicht im Ersten Weltkrieg gefallen, sondern offenbar desertiert (genau lässt sich der Hergang nicht rekonstruieren) und hat mit einer deutschen Frau einen weiteren Sohn bekommen. Auf diesen Sohn, seinen Halbbruder, ist der Älteste bei einer nächtlichen Aufklärung gestoßen, hat ihn getötet und erst dann herausgefunden, wen er da vor sich hatte. Das kleine, private Drama der Familie findet inmitten des großen Dramas des Zweiten Weltkriegs statt.
Eins der meiner Meinung nach besten Zitate in diesem Buch findet sich auf S. 362, in der Erzählung L‘Ogresse, in der eine Mutter ihre eigenen Wünsche ohne Rücksicht und Reflexion auf ihre Töchter überträgt – nachdem die erste an den Strapazen einer Karriere, die sie selbst nicht wollte, gestorben ist, kommt die zweite an die Reihe. Der schwerkranke Vater des jugendlichen Ich-Erzählers bemerkt dazu: „Il n‘y a rien de plus dangereux qu‘un désir insatisfait de femme. Elle s‘arrangera pour que ses enfants mangent jusqu‘à satiété les fruits qui lui ont été refusés et tant pis si ces fruits leur font mal : elle leur fera avaler la peau, la pulpe, le noyau, tout, jusqu‘à ce qu‘ils étouffent […] N‘aime que les femmes heureuses, mon garçon.“ (Es gibt nichts Gefährlicheres als den unerfüllten Wunsch einer Frau. Sie wird dafür sorgen, dass ihre Kinder sich an den Früchten sättigen können, die zu essen ihr selbst verwehrt blieb, selbst wenn diese Früchte schlecht für sie sind: Sie wird sie die Haut, das Fruchtfleisch, den Kern, alles hinunterschlucken lassen, bis sie ersticken. […] Du, mein Junge, sollst nur glückliche Frauen lieben.)
Am stärksten beeindruckt haben mich die Erzählungen Fraternité und La confidente, auf die ich etwas ausführlicher eingehen möchte. Die „Brüder“ in der ersten sind nicht näher miteinander verwandt, tragen aber den gleichen Familiennamen, Rabinovitch. Christian Rabinovitch stammt aus einer Familie, die schon seit Generationen in Frankreich lebt, hat niemals materielle Sorgen gehabt, ist aber von einer permanenten Unruhe erfüllt, von der niemand weiß. Sorgen machen ihm unter anderem seine Kinder (eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Titelhelden aus David Golder ist durchaus vorhanden). Sein Namensvetter ist etwa so alt wie er, ebenfalls Vater und Großvater, aber aus Russland eingewandert, finanziell wenig abgesichert und spricht jiddisch. Christian bemüht sich, sich selbst davon zu überzeugen, dass zwischen ihnen keinerlei Ähnlichkeit besteht, aber der Jude (Christian nennt ihn für sich nur le Juif) ist in gewisser Weise sein Spiegelbild, beginnend bei den großen Ohren bis zu dem niemals nachlassenden Gefühl des Getriebenseins. Der Körper vergisst nicht und lässt sich nicht täuschen: „C‘est de cela que je souffre… C‘est cela que je paie dans mon corps, dans mon esprit. Des siècles de misère, de maladie, d‘oppression… Des milliers de pauvres os faibles, fatigués, ont fait les miens.“ (S.98 f.; Das ist es, worunter ich leide… Das ist es, wofür ich mit meinem Körper und Geist bezahle. Jahrhunderte der Not, der Krankheit, der Unterdrückung… Tausende von armen, schwachen und müden Knochen haben meine geformt.)
In La Confidente hat ein Mann seine (wesentlich jüngere) Frau plötzlich durch einen Unfall verloren und sucht ihre Freundin auf, die sie seit ihrer Kindheit gekannt und bei der sie ihre letzten Tage verlebt hat. Was diese ihm erzählt, wirft ein völlig neues Licht auf die Dahingegangene und seine Ehe. Wir haben es in diesem Text mit mehreren bekannten literarischen Motiven zu tun: Ähnlich wie in L‘inconnu entdeckt auch hier ein Mensch, dass ein anderer, bereits verstorbener Mensch, den er sehr geliebt hat, ihn betrogen hat. Die einzige fiktive Geschichte, in der sich die Sache ebenso verhält und die mir in diesem Moment einfällt, ist ein Film, Trois Couleurs : Bleu, aber ich bin mir sicher, dass es auch in der Literatur zahlreiche Beispiele gibt (hat jemand eins?). Dass die Briefe seiner Frau, die Roger so sehr geliebt hat, in Wahrheit von Camille geschrieben wurden, erinnert natürlich an Cyrano de Bergerac, zumal die verstorbene Flora/Florence wesentlich attraktiver als ihre Freundin war. Das zweigisch anmutende Motiv der Lebensbeichte findet sich auch hier („Ce que je vous dis, personne ne le sait, mais ça fait du bien de parler une fois dans sa vie sincèrement“ – S.284, Was ich Ihnen sage, weiß niemand, aber es tut gut, einmal im Leben alles auszusprechen), aber anders als dier Leser_in anfänglich vermutet. Camille wandelt sich im Laufe der Erzählung von der blassen alten Jungfer, die den Witwer in seinem Schmerz tröstet und sich seine Geschichte anhört, zu einer Person, die selbst eine Geschichte zu erzählen hat, von der Vertrauten zur Anvertrauenden oder wie man sagen soll. Die scheinbar Passive war in Wahrheit die ganze Zeit aktiv und hat Flora zu dem gemacht, was sie war (hier besteht eine gewisse Ähnlichkeit zur Ogresse, allerdings war Camilles „Objekt“ nicht ihre Tochter, sondern ihre nur wenig jüngere Freundin). Roger, der gefeierte Pianist, gesteht, dass er sich nicht als wahrer Künstler, als Schöpfer sieht; Camille dagegen hat Florence erschaffen wie andere ein Buch schreiben oder eine Figur aus Stein hauen. Roger begreift am Ende, dass er eine Illusion geliebt hat, erinnert sich aber vor allem an Kleinigkeiten an seiner Frau, den Klang ihrer Stimme, bestimmte Gesten, die nicht Camilles Werk waren, ihn entzückt haben und nun für immer verloren sind.
Ich habe gerade versucht, herauszufinden, ob der Band auch auf Deutsch vorliegt – offenbar nur teilweise, die im Knaus Verlag erschienene Sammlung Meistererzählungen beinhaltet 9 Texte, in Dimanche sind es 15. Meine Favoriten haben es aber laut Inhaltsverzeichnis in unsere Sprache geschafft und der Rest ist eventuell anderswo erschienen oder wird noch erscheinen.


2 Antworten auf „Krieg, Familie und ein wenig Zweig“


  1. 1 tschellufjek 30. Juni 2014 um 11:25 Uhr

    Irène Némirovsky steht jetzt schon seit 2 Jahren auf meiner „To-Read List“. Ihr sehr bewegtes Leben und ihr unglaublich umfangreiches literarisches Werk, welches sie in den paar Jahrzehnten ihres kurzen Lebens geschaffen hat, machen sie zu einer sehr vielversprechenden Autorin. „Le maître des âmes“ liegt jedenfalls geduldig in meinem Bücherregal!

    Bezüglich deiner Frage, ob es noch andere Beispiele für die unerwartete Aufdeckung einer schockierenden Vergangenheit eines geliebten Menschens angeht, fällt mir kein namenhafter Roman ein, der dies zum Handlungskern seiner Geschichte macht. Es gibt mehrere Kriminalromane, in denen der_die Protagonist_in gen Ende der Geschichte Unerwartetes über eine geliebte Person herausfindet, aber dies wird nur am Rande der Geschichte erwähnt und ist für den Handlungsverlauf nicht von Bedeutung.
    Mir fällt hierbei allerdings eine Folge der genialen britischen Serie „Black Mirror“ ein (3.Folge, 1.Staffel „The entire history of you“), in der die Menschheit der Zukunft präsentiert wird, ausgestattet mit irgendeinem Implantat am Ohr, welches alles aufnimmt, was man sieht und hört, sodass man immer mal wieder gewisse Momente Revue passieren lassen kann. Diese Fähigkeit zerstört in dieser Folge eine Ehe…

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 03. Juli 2014 um 12:39 Uhr

    Stimmt, in Krimis finden die Protagonist_inn_en öfter irgendwelche Dinge über andere Menschen heraus, ob nun über Lebende oder über Tote. Daran habe ich gar nicht gedacht, da ich Krimis so gut wie nie lese.

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