Darf man die Mehrheit dissen?

„If a black man is racist, is it okay / If it’s a white man’s racism that made him that way?“ fragt Katie Melua in Spider’s Web (toller Song, wie ich nach wie vor finde).
Sie beschreibt hier ein Phänomen, das mir schon häufiger aufgefallen ist – Angehörige einer Minderheit zeigen mit Worten und Taten, dass sie die Mehrheit ablehnen, weil diese sie schlecht behandelt bzw. sie es so empfinden. Im Zusammenhang mit der Hautfarbe fällt mir eine Szene aus dem Mandela-Film ein, in der die Enkel der Hauptperson weißen Wachmännern Gesichter schneiden* – ihr Großvater verbietet ihnen das, nimmt die Kinder an die Hand, führt sie zu den Wachmännern und sagt zu ihnen, seine Enkel würden sie gern kennenlernen (keine Garantie auf hundertprozentige Korrektheit, ich habe den Film nur einmal gesehen).
Ich bemerke negative Vorurteile gegen die Mehrheit in erster Linie dort, wo ich mich viel herumtreibe, also in der asexuellen Community. Über Vorurteile asexueller gegen nicht asexuelle Menschen habe ich schon einmal an anderer Stelle etwas geschrieben; in den letzten Wochen ist mir wieder stärker aufgefallen, dass sich etwas Vergleichbares auch auf der Ebene der romantischen Orientierung beobachten lässt, d.h. dass bestimmte aromantische Menschen gern über hetero-, homoromantische etc. herziehen.
Für den Fall, dass jemand, dier das hier liest, sich fragt, was denn eine romantische Orientierung sein soll bzw. was aromantisch bedeutet: Die sexuelle Orientierung besagt, von welchem Geschlecht oder welchen Geschlechtern wir uns sexuell angezogen fühlen (mit wem wir gern sexuell aktiv werden möchten), die romantische Orientierung, die sich mit der sexuellen nicht überschneiden muss, verrät, mit wem wir uns eine Liebesbeziehung vorstellen können. Der Unterschied zwischen diesen beiden Orientierungen (und der Unterschied zwischen ihnen und dem sexuellen Verhalten, das noch einmal etwas anderes ist) wird in diesem englischsprachigen Video kurz erwähnt; eine meiner Meinung nach sehr gute Liste von „Anzeichen“ für eine aromantische Orientierung, die auch nicht aromantischen Menschen hilft, diese besser zu verstehen, findet sich hier. [en] Ein Teil der Asexuellen ist aromantisch, die Mehrheit ist es nicht.
Und wo ist jetzt das Problem? – Ich muss vorausschicken, dass ich selbst wahrscheinlich nicht ganz und gar verstehe, an welcher Stelle es hakt, da ich selbst nicht aromantisch bin. Vielleicht geht es auch gar nicht so sehr um die Orientierung, sondern viel mehr um den „Status“, eine_n Partner_in haben oder nicht haben (der Partnerstatus einer Person ist ja von außen viel leichter sichtbar als die Orientierung dieser Person). Menschen ohne Partner_in und den Wunsch nach einer_m solchen äußern sich über Menschen mit teilweise mit einer solchen Gehässigkeit, dass es mir auf den Magen schlägt. Wer sich eine_n Partner_in wünscht, ist sich selbst nicht genug, kommt allein nicht zurecht und wird dien Andere_n zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse missbrauchen, Verliebte sollten zu den Plagen des Alten Testaments gezählt werden etc.
Woher kommt das alles? Ich kann nur vermuten und tippe auf schlechte Erfahrungen, verständnislos reagierende Bekannte (Ach, das gibt’s doch gar nicht, jeder verliebt sich früher oder später…) und Frust darüber, dass in Romanen, Popsongs etc. romantische Liebe permanent thematisiert und verklärt wird. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das nervt und erwähne Aromantischsein als mögliche Identität so oft wie möglich. Diese regelrechte Hetze, die einige gegen Menschen mit Partner_in oder dem Wunsch nach einer Liebesbeziehung betreiben, macht mich dennoch unglücklich und ich würde mir im Grunde wünschen, dass in den asexuellen Foren stärker dagegen vorgegangen wird (antisexuelles Gedankengut wird dort gar nicht gern gesehen, was ich auch gut so finde, gegen antiromantisches, wie ich es nennen möchte, wird dagegen bisher kaum etwas gesagt).
Ein Verhalten à la „Weil eine oder mehrere Personen aus der und der Gruppe blöd zu mir waren, bin ich jetzt blöd zu allen, die zu dieser Gruppe gehören“ finde ich offen gesagt nicht sehr reif und es wird davon meiner Meinung nach nichts besser.
Würde ich selbst ein Forum (zu welchem Thema auch immer) gründen und könnte Regeln für die User_innen aufstellen, würde ich wohl jede Art von Diskriminierung aufgrund von Geschlechtsidentität, sexueller / romantischer Orientierung etc. verbieten und zwar ausdrücklich auch Diskriminierung der Mehrheit durch eine Minderheit bzw. von „Stärkeren“ durch „Schwächere“ . Keine Frau sollte dort mit pauschalen negativen Aussagen gegen Männer um sich werfen können (wie es im französischen AVEN-Forum eine Zeitlang zu beobachten war), nicht heterosexuelle dürften nicht über Heteros herziehen usw. Jawohl, an sich bin ich eher Laisser-faire, aber in diesem Punkt wäre ich diktatorisch. :)
Mit Feindseligkeit erreicht man meiner Meinung nach nichts, mit aufeinander zugehen möglicherweise schon. Im Zweifelsfalle würde ich es wohl immer wie der Mandela im Film handhaben.

* Diese Szene bzw. die damalige Situation in Südafrika ist natürlich insofern kein gutes Beispiel als dort die Weißen zwar stärker, aber zahlenmäßig in der Minderheit waren.


2 Antworten auf „Darf man die Mehrheit dissen?“


  1. 1 Carmilla DeWinter 02. Juni 2014 um 13:07 Uhr

    Ich bin eindeutig nicht oft genug im AVEN-Forum unterwegs, um da qualififiert was sagen zu können.
    Da selbst ace/aro – hm. Ich kann mir vorstellen, dass diese Feindseligkeit daher kommt, dass allgemein in der Gesellschaft vor allem Frauen ohne Partner*in nicht als vollwertige Wesen wahrgenommen werden. Mir ist es schweinemäßig schnurz, und ich freue mich immer, wenn zwei oder mehr sich finden.
    Falls mal wieder was ist: Mir eine PM schreiben, dann können wir gemeinsam versuchen, zu vermitteln?

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 02. Juni 2014 um 14:56 Uhr

    Ich habe bzgl. Erwartungen durch die Allgemeinheit auch ein eher dickes Fell und kann daher sicher manches nicht verstehen, das andere piesackt.
    Ich glaube, ich fühle mich von Aussagen wie oben beschrieben gar nicht so sehr persönlich verletzt – ich bin zwar (bi-)romantisch, muss aber nicht um jeden Preis eine_n Partner_in haben und habe in den meisten Threads, in denen Leute fies wurden, auch nur mitgelesen. Ich mag so ein Rumgehacke auf einer bestimmten Gruppe einfach nicht.
    Wenn es mal wieder akut wird, komme ich vielleicht auf dein pm-Angebot zurück.

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