Übel, übel

Schlechte Übersetzungen sind einerseits ein Ärgernis, andererseits aber auch ein Anlass zum Lachen – das wissen wir spätestens seit der „Übelsetzungen“-Reihe von Langenscheidt. Auf kuriose Falschübersetzungen bin natürlich auch ich schon im Alltag gestoßen… einmal kam ich z.B. in Torino an einem Restaurant vorbei, an dessen Außenwand Bilder seiner verschiedenfarbigen Säle hingen, sie hatten einen roten, einen blauen etc. Ihre Namen waren jeweils in mehreren Sprachen aufgeführt und man könnte ja meinen, bei der Übersetzung von Farbbezeichnungen gäbe es nicht viele Möglichkeiten, Fehler zu machen. Tja, was soll ich sagen – Bianco, also Weiß war als „Leertaste“ wiedergegeben. Nicht so ganz richtig, wa?
Manchmal stoße ich auf schlechte Übersetzungen und weiß nicht recht, ob ich mich ärgern oder lachen soll, denn ich finde sie nicht irgendwo auf einem fremden Plakat oder in einer Broschüre, sondern in einer TM*, sie stammt also von einem_r meiner Kolleg_inn_en. Ich kenne die Menschen nicht, die für die gleichen Auftraggeber arbeiten wie ich, wir sitzen jede_r bei sich zuhause, hacken auf unsere Tastaturen ein und liefern am Ende eine fertige und hoffentlich gelungene Übersetzung, ich könnte also selbst wenn ich wollte über niemanden persönlich herziehen. Notiert habe ich mir aber mal einige Beispiele, bei denen ich mir in letzter Zeit an den Kopf gefasst habe.
Die Sprachkombination ist stets Italienisch>Deutsch, die Übersetzungen stammen aus den Bereichen Mode und Kosmetik, zwei Fachgebieten, die ich öfter bearbeite (wobei mir Kosmetik besser gefällt bzw. mehr liegt, Mode kann sehr kompliziert sein, die ganzen Materialien und Schnitte sind u.U. schlimmer als die Teile einer Maschine). Vorausschicken muss ich, dass sowohl Mode als auch Kosmetik Fachgebiete sind, in denen es im Vergleich zu bspw. einem technischen Handbuch nicht so sehr auf hundertprozentige Korrektheit ankommt, stattdessen muss der übersetzte Text vor allem ansprechend klingen (wobei die wichtigen Informationen, z.B. Inhaltsstoffe der Creme, natürlich hinübergeschippert werden müssen). Darüber, was nun schön und ansprechend klingt und was nicht, kann man natürlich streiten und Fehler werden ja in Werbetexten z.T. bewusst gemacht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Manches, das ich da lesen muss, ist aber einfach nur grausam…
So las ich z.B. neulich, wie man occhiale da sole in iniettato offenbar ins Deutsche übersetzen kann: Injektion-Sonnenbrille. Hat die eine eingebaute Spritze, die einem in die Schläfe piekst, oder was? Nun ist „iniettato“ als Name eines Materials schon im Italienischen nicht ganz unproblematisch, da er elliptisch ist, d.h. es fehlt etwas – was ist denn da gespritzt worden? Ich habe mich letzten Endes für „im Spritzgussverfahren hergestellte Sonnenbrille“ entschieden, da meiner Meinung nach das gemeint ist. Unter Druck in das Spritzgießwerkzeug eingefüllt wurde wahrscheinlich Kunststoff, aus dem Brillen ja meistens bestehen. Äh ja, habe ich gerade gesagt, Texte über Mode und Kosmetik hätten nichts mit Technik zu tun?
In anderen Fällen sind die Übersetzungen, die ich in den TMs finde, nicht so offensichtlich falsch, missfallen mir aber trotzdem. In den Brillentexten kam z.B. auch ein paarmal die Formulierung [il modello] si contraddistingue [per le seguenti caratteristiche] vor, die mit [das Modell] unterscheidet sich [durch die folgenden Besonderheiten] übersetzt wurde. Im Italienischen kann man contraddistinguersi ohne da benutzen, aber geht im Deutschen sich unterscheiden ohne von? Ich meine nein und habe stets „hebt sich ab“ geschrieben – es ginge natürlich auch noch freier „das Besondere an XYZ ist dies und jenes“.
In den beiden oben genannten Fällen hatte ich das Glück, schreiben zu dürfen, was mir passte, die bereits vorhandenen Übersetzungen ähnlicher Texte dienten lediglich der Orientierung. Es kommt aber auch vor, dass ich genau das übernehmen soll, was vor mir andere geschrieben haben, der Einheitlichkeit wegen, und oooh, was kostet mich das manchmal für Überwindung. Wenn ich übersetzen könnte, wie ich wollte, würde ich z.B. das Wort definizione auf Wimperntusche bezogen im Leben nicht mit Definition wiedergeben, da das in meinen Ohren entsetzlich klingt. Das italienische Wort hat da für mein Gefühl eine größere Bandbreite an Bedeutungen als das deutsche. Ich hatte immer Präzision geschrieben (wobei mich das auch noch nicht hundertprozentig überzeugte), wurde aber am Ende von der Lektorin „gezwungen“, alles in Definition zu ändern und wenn man sich mal ein wenig Kosmetikwerbung anschaut oder durchliest, scheint das tatsächlich üblich zu sein. Vielleicht bin ich auch zu altmodisch, wer weiß.
Mit besagter Lektorin verbal gefochten habe ich auch wegen der Übersetzung des Begriffs contorno occhi. Das sind die paar Quadratzentimeter Haut, die sich um die Augen herum befinden, sie hätte gern überall Augenkontur gehabt, da sie das im Deutschen immer so nennen, das klingt aber für mich nur dann sinnvoll, wenn man diesen Bereich des Körpers schminkt – mit einem Augenkonturstift nämlich. Wenn man ihn reinigt oder pflegt, bin ich für Augenpartie und konnte das letzten Endes auch durchsetzen – Triumph! :)
Und für heute klappt nun die Übersetzerin ihr Nähkästchen wieder zu.

* TM = Translation Memory. Was das genau ist, wird hier kurz erklärt. Praktische Erfindung, kann aber auch zu einem Verschleppen von Fehlern führen.


2 Antworten auf „Übel, übel“


  1. 1 Carmilla DeWinter 27. Mai 2014 um 18:15 Uhr

    Hm, die „Augenkonturen“ kann ich so aus meinem Brötchenjob bestätigen, da gibt es unter anderem eine Lifting-/Entknittercreme für die „Augen- und Lippenkonturen“ zu kaufen.

    Ich schlage mir nur gelegentlich bei Literaturübersetzungen aus dem Englischen vor den Kopf, manchmal kann ich genau sagen, welche Wortfolge der englische Text hat, und dass das auf Deutsch eigentlich anders heißt. Ist was anderes, ob jemand allein-, oder in Ruhe gelassen werden möchte, meiner Ansicht nach.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 28. Mai 2014 um 8:02 Uhr

    Das mit der Augenkontur oder -partie ist weniger ein Fall von „Geht ja gar nicht“ als von „Hätte ich selbst nie so ausgedrückt und muss es jetzt so übernehmen, weil es in der TM steht, grrr.“
    Über schlechte literarische Übersetzungen hatte ich an anderer Stelle schon ein wenig abgelästert, im Zusammenhang mit Stefania Bertola. „Du bist ein Mythos“, na schönen Dank.

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