Kleider aus Klang

Im deutschen Aven-Forum kam vor einiger Zeit in einem Thread die Rede auf Pseudonyme, warum Menschen welche verwenden, vor allem wenn sie gerade Artikel über Asexualität schreiben bzw. sich zum Thema interviewen lassen (schämen die sich zu sehr, um ihren richtigen Namen zu verwenden?) Vor zwei Wochen veröffentlichte Carmilla auf ihrem Autorinnenblog dann einen Artikel, in dem sie ihr Pseudonym erklärt, eine andere Bloggerin machte ihr das prompt nach und nun möchte auch ich mich noch einmal ausführlicher zu diesem Thema äußern.
Also… Warum betreibe ich diesen Blog unter Pseudonym? Nun, es ist ganz einfach so, dass ich Berufliches und private Interessen trennen möchte. Ich bin im Internet unter meinem tatsächlichen Namen einigermaßen präsent, da ich freiberuflich arbeite und auf mich aufmerksam machen muss, um an Aufträge zu kommen. Ich habe eine offizielle Homepage mit Impressum und allem und bin in den für meinen Beruf wichtigen Communities vertreten. Es gibt einige Übersetzer_innen, die an ihre Homepage einen Blog gekoppelt haben und über mehr oder weniger eng mit unserer Tätigkeit verbundene Themen schreiben. Ihr Ziel ist es, Kolleg_inn_en zu informieren und zu unterhalten und gleichzeitig für ihre Dienste zu werben. Ich finde das nicht schlecht und lese einige dieser Blogs, wollte aber selbst einen anderen Weg einschlagen. Ich habe durchaus die Absicht, hier auch über mein Leben als Übersetzerin zu schreiben (der erste Artikel dieser Art ist schon in Vorbereitung…), aber nicht unter meinem Namen und nicht in Verbindung mit meiner dienstlichen Homepage. „Wir machen das alles ja nicht zum Spaß“ schreibt Miriam Neidhart in ihrem Überlebensbuch im Abschnitt zum Thema Bloggen und Kommentieren auf Blogs anderer Leute. Doch, ich habe mich entschieden, das hier zum Spaß zu machen.
Auch Informationen über meine sexuelle Orientierung möchte ich nicht im Internet mit meinem Namen in Verbindung bringen. Es ist nicht so, dass ich mich für meine Asexualität schäme (mittlerweile bin ich bei allen mir nahestehenden Menschen geoutet und alle anderen können es meinetwegen auch wissen, dadurch geraten mein Leben und Sicherheit nicht in Gefahr), aber mein Name ist online mit meiner Arbeit verbunden, Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Meine diversen Gastbeiträge über diese meine seltene sexuelle Orientierung, die vor der Geburt dieses Blogs entstanden, habe ich also als Fiammetta geschrieben (gut, das stimmt nicht ganz, einer ist tatsächlich unter meinem vollen Namen und einer zumindest mit meinem Vornamen versehen erschienen, aber das ist schon länger her, ich hatte mir damals meine jetzige Strategie noch nicht überlegt und habe auch noch nicht gearbeitet).
Und woher kommt jetzt der Name Fiammetta de Bornelh?
Fiammetta ist die Titelheldin des Romans Elegia di Madonna Fiammetta von Giovanni Boccaccio, erschienen 1344. Er hat den Namen auch noch in anderen Werken verwendet, u.a. in seinem noch heute und auch in Deutschland berühmten Decameron. Von der weitaus weniger bekannten Fiammetta hörte ich zum ersten Mal während meiner Schulzeit in Italien, dass es der erste italienische Text aus der Sicht einer Frau (wenn auch von einem Mann geschrieben) sei. Da war ich sofort interessiert, kaufte mir das Buch ein Jahr später, habe es aber erst vor ca. 2 Jahren von vorn bis hinten gelesen. Es ist zwar nicht lang, hat aber wenig Handlung und besteht größtenteils aus Seufzern, Klagen und gelehrten Anspielungen. Der Name hat mir immer gefallen, ich habe ihn schon vor zehn Jahren hier und da als Nick im Internet verwendet. Als ich mich dann Anfang 2007 im deutschen AVEN-Forum anmeldete, habe ich ihn ebenfalls ausgewählt, wobei meine damalige Situation eine Rolle spielte – Boccaccios in Neapel lebende Heldin wird von ihrem Geliebten verlassen, der in seine Heimat Florenz zurückkehrt, und auch ich hatte jemanden verloren. Als ich dann als asexy Gastbloggerin anfing, habe ich das Pseudonym behalten. Heute sehe ich mich zwar nicht mehr als arme verlassene Liebende, liebe aber die italienische Renaissance noch immer und möchte mit meinem Namen eine gewisse Verbundenheit mit dieser Epoche ausdrücken. Die neapolitanische Fiammetta gehört zur gebildeten Schicht, hat viel gelesen (sonst könnte sie ja nicht am laufenden Band lateinische Dichter zitieren), lauscht oft schöner Musik und trägt hübsche Kleider, alles Dinge, die auch mir etwas bedeuten.
Meinen Nachnamen habe ich von Giraut de Bornelh geklaut, einem okzitanischen Trobador, der von 1138 bis 1215 (also noch deutlich vor Boccaccio) lebte. Sein bekanntester Text ist Reis glorios, verais lums e clartatz, eine Alba. Ich habe mich eine Zeitlang sehr für Trobadorlyrik und die altokzitanische (a.k.a. altprovenzalische) Sprache interessiert, mich aber nicht allzu viel damit beschäftigen können, da mein Studium irgendwann auch mal zu Ende war. :) Immerhin hat es zu einem Besuch der okzitanischen Sommeruniversität in La Guepia gereicht, wo ich einen Einblick in die moderne okzitanische Sprache gewinnen konnte. Hat Spaß gemacht damals 2009… aber ich schweife ab. Zum renaissancehaften italienischen Vornamen also ein mittelalterlicher okzitanischer Nachname – klingt nach einer Romanistin mit klassischen Interessen und was soll ich sagen, genau das bin ich ;) . Die Kombination drückt für mich auch ein umfassendes Interesse an Literatur (und nicht nur Literatur) aus, das sich nicht auf einen bestimmten Sprach- bzw. Kulturraum oder eine bestimmte Epoche beschränkt.
Übrigens habe ich in anderen Online-Communities auch noch andere Nicks, erstens möchte ich meine diversen Interessen nicht nur von meinem Beruf sondern auch voneinander trennen und zweitens erfinde ich furchtbar gern Pseudonyme, es gibt sooo viele schöne Vorlagen… Feststellen lässt sich eine gewisse Vorliebe für blumige oder obstige Namen und dieser Blog heißt ja nun auch fructus dulces.
Und übrigens stieß ich neulich in Italien unversehens auf meinen Pseudonymsvornamen – ich wusste ja gar nicht, was heutige Italiener_innen mit ihm verbinden…


2 Antworten auf „Kleider aus Klang“


  1. 1 Carmilla DeWinter 15. Mai 2014 um 22:57 Uhr

    Bei der Namensfindung kann ich mich ja nun glücklicherweise in der Schriftstellerei austoben. (Die Drohung, die Fiammetta zu verwursten, steht noch ;) )
    Sehr interessante Ausführungen, dankeschön.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 16. Mai 2014 um 7:50 Uhr

    Lustig, an diese deine Figur habe ich neulich mal wieder gedacht und mir ist eingefallen, dass auch Fulvia ein schöner Name für eine Rothaarige wäre.
    Und eine Anekdote zu meinem Namen Fiammetta habe ich auch noch – es hat mal jemand gefragt, ob sich eine Asexuelle denn nach einer Figur von Boccaccio benennen „dürfe“, der doch sooo viel über Sex geschrieben hat. Bei B. scheint jeder sofort an das Decameron zu denken und das wird wiederum auf die anzüglichen Geschichten reduziert.

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