HomoSEXualität?

Schon seit Monaten hege ich den Plan, einen Artikel zu einem bestimmten Thema zu schreiben (sogar schon länger, als ich überhaupt einen eigenen Blog habe, früher wäre es dann wohl ein Gastbeitrag für die Herberge geworden…) und habe es bisher nicht getan, da ich keine Lösungsvorschläge für das Problem und keine Antworten auf meine eigenen Fragen habe, ich kann einfach nur beschreiben, was ich da und dort beobachtet habe. Das Thema könnte man als „Reduzierung von Homosexualität auf Sex“ bezeichnen.
Vor vielen Jahren sprach ich einem Freund gegenüber von „lesbischer Literatur“ und er sagte, das seien doch Bücher, in denen zwei Frauen miteinander p*ppen, nicht wahr? Dazu passt eine bestimmte Buchhandlung (oder habe ich das sogar in mehreren erlebt? Kann mich nicht mehr richtig erinnern…), in der etwas lesbische und schwule Literatur zu finden war und zwar im Regal für Erotik, Unterabteilung Homoerotik. Und vor nicht allzu langer Zeit habe ich einmal die lesbisch-schwulen Filmtage Hamburg besucht und später jemandem davon erzählt und dieser Jemand stellte sich dann vor, dort würden ausschließlich Erotikfilme laufen.
Nun gut, auf den Filmtagen hatte ich A Perfect Ending gesehen, einen Streifen, in dem nicht nur Bienchen und Blümchen vorkommen, ich gebe es zu. Ich kenne aber Bücher für Jugendliche mit heterosexuellen Paaren, in denen wesentlich mehr Sex vorkommt als bspw. in den Werken von Mirjam Müntefering (oder war da irgendwas Spektakuläres und die Asexuelle hat’s nur vergessen?), daher scheint es mir reichlich absurd, homosexuelle Literatur im Kopf oder im Regal automatisch als Unterkategorie erotischer Literatur einzusortieren. Das vielleicht Erschreckendste an der Sache ist, dass sich die beiden Jemande, die ich weiter oben erwähnte, nie als homophob bezeichnen würden – eher würden sie so etwas sagen wie „Ach, ist mir doch egal, was andere Leute im Bett machen.“ Und schwupps, da ist sie wieder, die Reduzierung von Homosexualität auf den 5. bis 7. Buchstaben des Worts. Bei Homosexuellen geht es ja nur um Sex, is klar. In lesbischen und schwulen Filmen natürlich auch, wozu sollten sie sonst extra Bücher und Filme brauchen? – Tja Leute, habt ihr euch vielleicht schon einmal überlegt, dass es in einer Welt, in der in fiktiven Geschichten zwischen Buchdeckeln oder auf der Leinwand überwiegend heterosexuelle Paare dargestellt werden, ganz nett sein kann, auch einmal etwas zu lesen oder zu sehen, mit dem man sich persönlich besser identifizieren kann? Bestandteil homosexueller Biographien sind u.a. das Coming Out, die Suche nach einer Liebesbeziehung unter erschwerten Bedingungen (funktioniert mein Gaydar?) und Angst vor oder Erleben von Diskriminierung und all das kann in spezifisch schwulen oder lesbischen Geschichten thematisiert werden.
In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein, dass Schwule auf Französisch häufig als „pédé“ beschimpft werden, was eine Abkürzung von pédéraste ist. Diese Bezeichnung transportiert eine Vermischung von (männlicher) Homosexualität und einem unstillbaren Verlangen nach unreifen Körpern. Viele Menschen, die dieses Wort benutzen, würden den Vorwurf, sie seien homophob, ebenfalls empört von sich weisen, es ist doch ein „ganz normales Wort.“
Wenn ich aus dieser Wirrnis an verschiedenen Erfahrungen einen Schluss ziehen kann, dann: Homophobie fängt viel früher an, als viele glauben.


3 Antworten auf „HomoSEXualität?“


  1. 1 Carmilla DeWinter 24. April 2014 um 22:19 Uhr

    Sehr schön zusammengefasst. Nun bin ich ja auch nicht völlig unschuldig an einem Text über zwei Kerls mit Sex drin – was das Genre verlangt muss das Genre bekommen – aber ich hab das nicht geschrieben, weil ich schwulen Sex so heiß finde.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 25. April 2014 um 7:19 Uhr

    Wenn die beiden Jungs in deinem Text nur Sex miteinander hätten, wäre er längst nicht so lang. ;)
    Und es gibt ja selbstverständlich erotische homosexuelle Bücher und Filme (der elles-Verlag nährt sich doch hauptsächlich davon) und es ist gut, dass es sie gibt, weil manche Leute sich eben so etwas wünschen (was wenn man als Lesbe gern erotisches Material konsumiert und ächz, dauernd kommen Männer vor?), aber das ist eben nur ein Teil dieser Bücher und Filme, das war mir wichtig festzuhalten.

  3. 3 Carmilla DeWinter 26. April 2014 um 16:01 Uhr

    Hmm. So wie Sex eben ein Teil fast jedes Lebens ist, und auch nicht alle Bücher mit Heterosexuellen drin haben notwendigerweise eine Sexszene.
    Ist halt auch immer faszinierend, wie oft Heten von Mann/Frau, Kindern, Partner*in sprechen, und Händchen haltend mit selbiger*m die Straße langlaufen, aber sobald es zwei Kerls sind, sollen die bloß mal still sein und ihre „Bettgeschichten“ schön hinter verschlossenen Türen regeln. (Lesben werden im Straßenbild nicht so wahrgenommen, weil sich ja Mädels viel häufiger öffentlich berühren dürfen als Männer.) Graah.

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