Die Ohren gen Osten

„Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident“ lehrt uns ein Stück von Robert Schumann mit Text von Goethe, das ich vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal hörte. In den letzten Tagen habe ich mich mit meinen Ohren viel im Orient aufgehalten, in den ich auf zwei Wegen gelangte, einem sizilianisch-arabischen und einem spanisch-jüdischen. Meine CD-Sammlung hat sich nämlich wieder einmal um zwei Exemplare vergrößert, diesmal sind Daughter of the spring von Mor Karbasi (2010) und Il fiore splendente von Etta Scollo (2008) neu hinzugekommen.
Auf die Musik von Mor Karbasi stieß ich vor mindestens zwei Jahren und besitze schon seit einiger Zeit ihre erste CD, The Beauty And The Sea, die mit einigen sehr schönen Stücken aufwartet. Auf diesem ihrem zweiten Album, das wiederum Traditionell-Sephardisches mit Neuem vereint, sind meine Favoriten Un Beso de Vida und Cuando Vuelvas (leider nicht auf YT verfügbar). Das erste fetzt viel mehr als der leicht süßliche Titel es vermuten lassen würde und reißt mich mit seinem Rhythmus immer wieder mit, das zweite klingt sanft und sehnsüchtig. Nicht recht überzeugen kann mich dagegen die hingehauchte Version des sephardischen Arvoles am Schluss, da gefällt mir die strenge, traditionelle Interpretation von Françoise Atlan oder die kraftvolle von Yehoram Gaon zu gut. Beim titelgebenden Eröffnungsstück La Hija de la Primavera ist es wiederum so, dass ich eine bestimmte Liveversion schon viel länger kenne und zu sehr schätze, da zeigen Sängerin und Gitarrist ihr ganzes Können und man kann sich ganz auf die beiden konzentrieren. Weniger ist eben manchmal mehr.
Im Booklet finden sich die Originaltexte (der hebräische von Yasmin in Umschrift) mit englischer Übersetzung, wobei ich mich frage, warum die Texte nicht in der gleichen Reihenfolge angeordnet sind wie auf der CD selbst, teilweise muss man ein wenig suchen, zumal immer noch kurze kommentierende Texte auf Englisch dazwischen stehen.
Bleiben wir beim Thema Booklets: Nie habe ich so ein schönes gesehen wie dasjenige, das Il fiore splendente beiliegt. Wundervolle Farben und das Papier fühlt sich schön an. Inhaltlich hat es auch einiges zu bieten, nämlich eine Erklärung, wie das Projekt zustande kam sowie sämtliche Liedtexte auf Italienisch, Englisch, Deutsch und Französisch nebst arabischem Original (wobei ich im Deutschen und Französischen bei flüchtiger Durchsicht Schnitzer entdeckt habe). Kurz gesagt handelt es sich bei diesem Album um Vertonungen der italienischen Übersetzungen von Texten arabischer Autoren, die zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert auf Sizilien entstanden. Es wird aber auch auf Sizilianisch und Arabisch gesungen bzw. rezitiert. Bei einigen Stücken wird die Sängerin von einem Orchester begleitet und die Stimmen diverser Gastkünstler_innen sind auf der CD zu hören.
Auf die Spur des Albums gebracht hatte mich ursprünglich Una luna, das ich schon einmal an anderer Stelle erwähnte und das auch jetzt noch zu meinen liebsten Titeln zählt. Mein zweiter Favorit ist Corro con te, das von einem Menschen von 50 Jahren erzählt, der für einen anderen, 20-jährigen, entflammt ist. Hier singt Etta Scollo im Duett mit dem ebenfalls aus Sizilien stammenden Franco Battiato und ich kann nicht umhin, mir die beiden längst nicht mehr jungen Künstler_innen grinsend (oder eher abgeklärt lächelnd?) im Studio vorzustellen. (Jetzt gerade fällt mir ein, dass es auf dem Album Mano Suave von Yasmin Levy ein Lied zu einem ähnlichen Thema gibt, Una noche mas – ich sage nur Yo en mi madurez y tu en tu plena juventud…).
Ich hoffe, alle hier Lesenden haben musikalisch befriedigende Ostern! :)


2 Antworten auf „Die Ohren gen Osten“


  1. 1 Carmilla DeWinter 20. April 2014 um 21:20 Uhr

    Jetzt sind die Feiertage eindeutig musikalisch aufgewertet. :D Nachdem ich bei mir doch eher E-Gitarrenlastiges läuft, derzeit vor allem Wüstenblues von Tinariwen. (Buchprojekt und so.)

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 21. April 2014 um 8:36 Uhr

    Freut mich, dass deine Ohren sich gefreut haben! :)
    Deine Wüstenrocker muss ich mir auch gleich mal anschauen/-hören – kann sein, dass ich im Journal von Amnesty International mal was über sie gelesen habe.

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