Zweig in Frankreich

Irène Némirovskys Wiederentdeckung liegt mittlerweile schon 10 Jahre zurück (2004 wurde die unvollendete Suite française in Frankreich posthum veröffentlicht), meine Bekanntschaft mit ihr ist jüngeren Datums. Sie begann mit eben diesem Werk, d.h. mit seiner deutschen Übersetzung von Eva Moldenhauer, die anlässlich des Welttags des Buches am 23.4.2012 zu mir fand. Das Werk hinterließ bei mir einen gewissen Eindruck, ich fragte mich unwillkürlich, wie ich mich selbst in einer extremen Situation wie einer Flucht verhalten würde, wie sehr ich mich für mein eigenes Wohl oder das der anderen einsetzen würde.
Vor einigen Monaten lieh ich mir aus der Bibliothek David Golder (diesmal die Originalversion) aus und musste beim Lesen unwillkürlich an eine bestimmte Novelle von Stefan Zweig denken. Nun habe ich gerade Les vierges et autres nouvelles (Paris, 2009) gelesen und auch in dieser Sammlung hier und dort Zweigisches gefunden. Die Sache beschäftigt mich so sehr, dass ich ihr jetzt einen Artikel widme.
Die Novelle, an die mich der David Golder erinnert hat, ist Untergang eines Herzens. Sie erschien 1927, der französische Roman 1929, eine Vorbildwirkung wäre also möglich, zumal Stefan Zweig damals überaus berühmt war (er war gegen Ende der 20er Jahre der meistübersetzte Autor der Welt!) und in dem von ihm so geliebten Frankreich vielleicht noch mehr als anderswo. Sowohl Herr Salomonsohn als auch Herr Golder sind ältere Juden, reiche Geschäftemacher, die sich von ihrer Familie unverstanden und nicht geachtet fühlen, den Eindruck haben (und das nicht zu Unrecht), dass Frau und Tochter von ihnen nur Geld wollen, um ihren luxuriösen Lebensstil aufrechterhalten zu können. Beide sterben sie am Schluss einsam – bei Zweigs Figur sitzen Frau und Tochter zwar am Krankenbett, er hat für sie aber nur noch Verachtung übrig, Némirovskys Protagonist findet sein Ende auf einer Reise.
Und was ist nun mit den vierges? Da gibt es eine Erzählung mit dem Titel L‘inconnue und auf Seite 144 findet sich die Formulierung „la lettre de l‘inconnue“. Das lässt doch sofort an Zweigs Brief einer Unbekannten denken… Und tatsächlich gibt es ein paar Parallelen. Ein Schriftsteller wird von einer Frau verehrt und erhält Post von ihr. Während Zweigs Figur niemals erfährt, wer ihn da geliebt hat, da er sich an ihre diversen Begegnungen schlicht nicht erinnern kann und ihren langen Brief, ihre Lebensgeschichte, erst nach ihrem Tod erhält, heiratet Driant halb aus Pflichtgefühl, halb aus Geschmeicheltsein seine getreue Schreiberin und ihre Ehe wird unglücklich. Zu sagen, dass Driant und seine Frau und ehemalige Verehrerin das darstellen, was die beiden bei Zweig hätten werden können, ist vielleicht zu gewagt, aber gewisse Vergleiche bzw. Fragen drängen sich doch auf. Ist es besser, wenn Liebe unerfüllt bleibt, weil es auf diese Weise nie zu Zänkereien kommen kann? Eine Vorbildwirkung ist übrigens auch hier gut möglich, Zweigs Erzählung erschien etliche Jahre, bevor Némirovskys (die in diesem Band erstmals veröffentlicht wurde) überhaupt entstand.
Schwächere Zweig-Echos könnte man in den Erzählungen von Irène Némirovsky sehen, in denen sich Erwachsene ihren Kindern gegenüber ungerecht verhalten, weil diese ihnen etwas bewusst machen, was sie nicht wissen wollen. Die Erzählungen Écho oder Les revenants lassen einen an das Brennende Geheimnis denken. Die revenants waren übrigens mein persönlicher Favorit in der Novellensammlung – trotz aller Gemeinheit der Mutter, die ihren Kindern ihr Paradies nimmt, weil sie sich und der Familie gewisse Dinge aus ihrer Vergangenheit nicht eingestehen möchte, ist die Geschichte bezaubernd. Ein Ort, an dem die liebsten Erinnerungen weiter existieren… wer wünscht sich das nicht? (Chow Mo-Wan wäre begeistert gewesen ;) ).
Interessant ist auch die titelgebende Erzählung Les vierges. Sie stellt im Grunde die Frage, ob es besser ist, Dinge zu riskieren und dabei vielleicht unglücklich zu werden oder nichts zu riskieren, ein friedliches Leben zu leben, das aber arm an Ereignissen und Leidenschaft ist. Ob die von ihrem Ehemann betrogene Camille oder ihre ledig gebliebene Schwester Alberte mehr zu bedauern ist, bleibt unklar und liegt vielleicht im Auge dier Leser_in. Eine Frau im Werk von Stefan Zweig, die auf Liebe, Ehe und die Chance auf eine eigene Familie verzichtet, fällt mir im Übrigen auch ein – ist das nicht der Fall von Erika Ewald?
Ich weiß nicht, ob es wissenschaftliche Untersuchungen über Parallelen im Werk von Zweig und Némirovsky gibt; wenn nicht, sollte es welche geben.


1 Antwort auf „Zweig in Frankreich“


  1. 1 Moderner Kettenbrief « fructus dulces Pingback am 16. April 2015 um 18:09 Uhr

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