Die Sarden kommen!

Die drei italienischen Komiker Aldo Giovanni e Giacomo verehre ich schon seit ewigen Zeiten, d.h. seit ich damals 2002 „Chiedimi se sono felice“ sah, einen Film über drei mäßig erfolgreiche Schauspieler, die „Cyrano de Bergerac“ aufführen möchten. Viele Szenen aus diesem Streifen sind für Sprecher_innen des Italienischen heute legendär, „mitiche“ eben.
Das Trio hat seit einiger Zeit seinen eigenen YouTube-Kanal, auf dem ältere Sketche hochgeladen werden, von denen mir viele neu sind. In sprachlicher Hinsicht besonders interessant sind für mich zwei aus der Sendung „Mai dire Gol“ (etwa „Sag‘ bloß nicht Tor“ – es war eine humoristische Sendung zum Thema Fußball), in denen Giovanni einen Sarden namens Nico spielt.
Das Sardische ist unter den Minderheitensprachen Italiens diejenige mit den meisten Sprechern; von den 1,6 Millionen Einwohnern der Insel Sardinien sprechen ca. 80% Sardisch, dies entspricht 2,3% der italienischen Bevölkerung (Zahlen von 1995). Es handelt sich um eine sehr konservative romanische Sprache, die besonders viele Züge des Lateinischen (v.a. Laute und Wortschatz) bewahrt hat. Alle romanischen Sprachen lassen sich in eine der beiden großen Gruppen Ost- und Westromanisch einordnen, nicht so das Sardische, das eine Sonderstellung einnimmt (Ein auslautendes [s] wird beibehalten, Okklusive zwischen Vokalen werden nicht sonorisiert). Es lässt sich in fünf Hauptdialekte unterteilen, eine gemeinsame Standardsprache existiert nicht.
Als ich mir das erste Video anschaute, fiel mir vor allem ein Satz von Giovanni/Nico auf, den er zweimal sagt: „È una lingua, non è un dialetto“ (Es ist eine Sprache, kein Dialekt). Beweisen will er den großen Abstand zum Italienischen mit haarsträubenden Phänomenen – dieselbe Person hat zwei verschiedene Namen, je nachdem, ob sie eine Tasche trägt oder nicht, ein Begriff ändert sich je nach Luftfeuchtigkeit. Lustige Sache, die allerdings einen ernsten Hintergrund hat, nämlich das Abtun von Minderheitensprachen (zumal wenn sie mit der offiziellen Landessprache enger verwandt sind) als „Dialekt“ oder schlecht gesprochenes XYZ (in Frankreich wird z.B. das Okzitanische abwertend als patois bezeichnet).
Im zweiten Video wird das Ganze noch auf die Spitze getrieben: „Il sardo è una lingua, l‘italiano è un dialetto“ (Sardisch ist eine Sprache, Italienisch ist ein Dialekt). Es folgen Beweise für die Überlegenheit des Sardischen, einer Sprache, in der es für alles, aber auch wirklich alles ein eigenes Wort gibt, z.B. für die Falten, die das Kopfkissen nachts auf dem Gesicht hinterlassen hat (sie heißen sarrigna, aber auch nur, wenn sie sich auf der rechten Seite des Gesichts befinden). Neben Kraftausdrücken und kurzen Einspielfilmchen (Aldo, der dem Tode nahe ist, nachdem ihn ein Spritzer Zitrone ins Auge getroffen hat, ist grandios!) wird hier auf witzige Weise auf die Probleme angespielt, die bei der Standardisierung einer Sprache auftreten können. Aber mit so kompetenten Mitarbeitern wie Nico wird das schon. :)


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