In the mood for ne pas haïr

La Princesse de Clèves von Madame de Lafayette ist ein Roman des 17. Jahrhunderts, spielt jedoch ungefähr 100 Jahre früher. Ich hatte das Buch irgendwann als Studentin gelesen und habe es jetzt noch einmal getan.
Die Handlung ist schnell erzählt, da es im Grunde nicht viel Handlung gibt (vielleicht etwas mehr als in der Elegia di Madonna Fiammetta von Giovanni Boccaccio – ja genau, mein Namensvorbild): Ein junges, adliges Mädchen kommt von außerhalb an den Königshof und wird von seiner Mutter vor Intrigen und Lastern gewarnt. Ein Mann verliebt sich in sie, die beiden heiraten, sie mag ihn gern, liebt ihn aber nicht und hat überhaupt noch nie geliebt. Ein anderer Herr, der den Ruf eines rechten Windhunds hat, kehrt nach längerer Abwesenheit an den Hof zurück und verliebt sich ebenfalls in sie, wobei seine Gefühle erwidert werden. Der jungen Dame ist dies entsetzlich unangenehm, sie vertraut sich (während ihr Geliebter von den beiden anderen unbemerkt lauscht) ihrem Ehemann an, der zunächst mit Verständnis reagiert, später aber vor Eifersucht stirbt. Es kommt zu einem offenen Gespräch zwischen den Liebenden; er fleht sie an, ihn zu erhören, sie weist ihn jedoch ab, da sie erstens das Andenken ihres Mannes nicht beschmutzen und sich zweitens vor der schmerzlichen Erfahrung schützen möchte, irgendwann von ihm betrogen zu werden. Sie zieht sich aufs Land zurück und lebt nicht mehr sehr lange, er kommt irgendwann über seine unglückliche Liebe hinweg.
Am Hof wird sich permanent gegenseitig besucht, zusammengesessen und über diejenigen getratscht, die gerade nicht dabei sind. Auf S. 252* heißt es: „L‘ambition et la galanterie étaient l‘âme de cette cour et occupaient également les hommes et les femmes. […] Personne n‘était tranquille ou indifférent; on songeait à s‘éléver, à plaire, à servir ou à nuire; on ne connaissait ni l‘ennui, ni l‘oisiveté, et on était toujours occupé des plaisirs ou des intrigues.“ (Ehrgeiz und Liebeshändel waren die Seele dieses Hofs und beschäftigten Männer wie Frauen. […] Niemand war ruhig oder gleichgültig; man strebte nach Höherem, wollte gefallen, anderen dienen oder ihnen schaden; man kannte weder Langeweile noch Muße und war stets mit Vergnügungen oder Intrigen beschäftigt.) Was tut man, wenn jemandem ein Brief aus der Tasche fällt? Ihn zurückgeben? Natürlich nicht! Man liest ihn selbst und zeigt ihn dann zig anderen Leuten! Falschheit, Heuchelei und Lügen sind die Regel: „Si vous jugez sur les apparences en ce lieu-ci […], vous serez souvent trompée : ce qui paraît n‘est presque jamais la verité.“ (Wenn ihr euch an diesem Ort auf den Schein verlasst […], werdet ihr häufig getäuscht werden: Was sich dem Blick darbietet, ist fast nie die Wahrheit – S. 265 im Original).
Dass nichts ist wie es scheint, schlägt sich auch in der Sprache des Romans nieder. Ich habe selten eine solche Ansammlung von Verneinungen gesehen. Es kommt zu Sätzen wie diesem hier: „Mme de Clèves consentit volontiers à passer quelques jours chez elle pour ne point aller dans un lieu où M. de Nemours ne devrait pas être; et il partit sans avoir le plaisir de savoir qu‘elle n‘irait pas.“ (Madame de Clèves erklärte sich gern einverstanden, einige Tage in ihrem Haus zu verbringen, um sich nicht an einen Ort zu begeben, wo Monsieur de Nemours nicht würde sein können; er reiste ab, ohne erfahren zu können, dass sie nicht hingehen würde – S. 273). Die Litotes ist im Dauereinsatz – am stärksten fiel mir die Umschreibung „ne pas haïr“ für „aimer“ auf (abweichend kann man auch sagen „X n‘est pas désagréable à Y“).
Auch als Monsieur de Nemours Madame de Clèves seine Gefühle gesteht, tut er das über Andeutungen und allgemeine Aussagen, die sie jedoch nur zu gut versteht. Offen miteinander sprechen tun die beiden Liebenden erst bei ihrer letzten Begegnung, bei der sie ihm ausführlich darlegt, warum sie ihn auch jetzt, da sie Witwe und somit frei ist, nicht heiraten möchte. Die Figur des Ehemannes, der so früh stirbt, hat mich wiederum an die Fiammetta denken lassen; er ist kein unsympathischer oder lächerlicher gilos (auch wenn er sehr eifersüchtig ist), sondern verliebt und liebenswürdig und wird von seiner Frau wenn auch nicht geliebt, so doch geschätzt. Die Szene, in der Madame de Clèves, ihr Mann und Monsieur de Nemours sich im Zimmer einschließen, um den oben kurz erwähnten Brief zu rekonstruieren – die Ehre und Sicherheit seines besten Freundes, der gleichzeitig ihr Onkel ist, stehen auf dem Spiel – erinnert mich dagegen an In the mood for love von Wong Kar-Wai, an Chow Mo-Wan und Su Li-Zhen, die sich in einem Hotelzimmer einsperren, um Kung-Fu-Geschichten zu schreiben (nachdem sie versucht haben, die Liebesgeschichte ihres Mannes und seiner Frau nachzuspielen). In beiden Fällen ist das gemeinsame Schreiben eine Möglichkeit, eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Getratscht wird in ITMFL auch genug, verheiratet sind in diesem Film allerdings beide und selbst wenn unsere beiden Franzosen Nudelsuppe essen würden, wären sie sich wohl zu fein, um sie selbst im Laden zu holen.
Ein faszinierender Text über eine unerfüllte Liebe, die von Kleinigkeiten wie einem Blick oder einer Geste genährt wird, über Angst vor den eigenen Gefühlen und über ein Leben in einer Umgebung, in der die Wände Augen und Ohren haben und kein Geheimnis lange geheim bleibt.

* = Die Seitenzahlen beziehen sich auf Madame de Lafayette, Romans et Nouvelles, Paris 1970


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