Verhinderte Epikureerin trifft fiese Slawistin

So, ich habe Ragazze mancine (Torino, 2013) zu Ende gelesen und hatte ja angekündigt, mich zu Stefania Bertolas neuestem Werk noch gesondert äußern zu wollen.
Ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll und würde sagen, dass das nicht ausschließlich an mir liegt, sondern auch typisch für die Bücher der Autorin ist – jedes Mal hat man es mit einem fröhlichen Wooling an Personen und Handlungssträngen zu tun und das Gesamtbild lässt sich jemandem, der das Buch noch nicht selbst gelesen hat, nur schwer vermitteln.
Die linkshändigen Mädchen – so die wörtliche Übersetzung des Titels, wer weiß, wie er einst auf Deutsch lauten wird – haben Züge einer Kriminalgeschichte: Im Mittelpunkt steht ein Medaillon, hinter dem mehrere Personen her sind und erst nach und nach klärt sich auf, warum es wem so wichtig ist. Etwas befremdlich fand ich den Wechsel der Perspektive – es wird munter zwischen der Ich- und der Er-Form hin und her gehüpft, wobei nur Adele in der ersten Person von sich spricht und das auch gar nicht immer, an anderen Stellen heißt es von ihr wieder „sie tat dies und jenes“. Costanza in Ne parliamo a cena und Olimpia in Romanzo rosa erzählen die jeweilige Geschichte, in deren Mittelpunkt sie stehen, in der ersten Person, aber eine solche Uneinheitlichkeit ist mir bei dieser Autorin neu. Nun gut.
Besagte Adele hat eine genaue Vorstellung davon, was sie sich im Leben wünscht: Sie möchte einen reichen Mann heiraten, der sie mit ausreichend Geld versorgt, damit sie sich ganz ihren kulturellen Interessen widmen kann. Auf Seite 82 beschreibt sie wunderschön (finde ich), wie sie sich das Ganze vorstellt (diesmal lasse ich es mit den Originalzitaten und übersetze gleich):
„Was mich antrieb, war keine große Liebe zum Geld und auch kein Wunsch, mir viele Dinge zu kaufen. Mein Ziel war ein anderes: Ich wollte in meinem Leben niemals arbeiten müssen und stattdessen meine gesamte Existenz damit verbringen, zu lesen, Musik zu hören, Orte zu sehen und Dinge zu lernen. Ich wollte mein Leben der Freude am Lernen widmen. Und das wollte ich nur für mich selbst tun, ohne einen intellektuellen Beruf daraus zu machen. […]“.
Entgegen kommt ihr hierbei die Tatsache, dass sie sich nie verliebt (was sich im Roman jedoch ändert – wenn ihr eine aromantische Protagonistin sucht, haltet euch an die weiter oben erwähnte Olimpia, die bezeichnet sich zwar nicht explizit so, macht auf mich aber stark den Eindruck), also ist es eigentlich egal, wen sie heiratet. Hat auch schon einmal geklappt, aber…
Gefreut habe ich mich über kurze Auftritte von zwei Figuren aus früheren Büchern, Emma Delacroix und Caterina Chiarelli, wobei erstere nur nebenbei erwähnt, aber die Bienentheorie der zweiten etwas ausführlicher diskutiert wird. Da schlägt einem das Fanherz doch höher. :) Von den Figuren dieses Romans fand ich wahrscheinlich Clotilde am interessantesten, obwohl sie unsympathisch ist und einiges an Dreck am Stecken hat. Ihre Vorliebe für serbische Dichterinnen, die sie auch gern zitiert, ist einfach herrlich – und hach, ich hätte gedacht, die Damen seien allesamt eine Erfindung unserer phantasiebegabten Turinerin, aber Google sagt mir gerade, dass zumindest Desanka Maksimović tatsächlich gelebt hat. Da sieht man’s wieder, bei Stefania Bertola kann man noch was lernen. Clotilde ist es auch, die verrückt nach den unter dem Titel Dany Delizia erscheinenden Teenie-Romanzen ist, die mich stark an Romanzo rosa erinnert haben, da geht es ja die ganze Zeit darum, wie man so etwas oder etwas Ähnliches schreibt (in meinen Augen eine Parodie von vorn bis hinten, aber manche deutschen Leser_innen haben das offenbar wirklich ernstgenommen). Und Clotildes ständige Verwünschungen gegen ihre beiden erwachsenen Söhne, wenn diese nicht tun, was sie will, sind köstlich… „Hätte ich mich doch mit 14 sterilisieren lassen“, „Hätte ich doch Keramikstatuen zur Welt gebracht“ usw.
Meine Lieblingsstelle ist wohl S.138 – zwei Personen, die später ein Paar werden (ich möchte noch nicht zu viel verraten), entdecken im Gespräch zufällig eine gemeinsame Leidenschaft, nämlich…
„Lego? Tatsächlich? Ich spiele noch immer mit Lego, weißt du? Früher, als ich noch Geld hatte, habe ich mir die Baukästen gekauft. Das war eins der schönsten Dinge in meinem Leben, ich hatte die Möglichkeit und die Zeit, um die besten Modelle zusammenzubauen. Kannst du dich an das Piratenschiff erinnern?“
X nickt, voller Entzücken. Das Piratenschiff ist also auch für sie der Gipfel aller Legoweisheit. Sie hat nicht nur rote Haare und viele andere Vorzüge, die sie diskret verbirgt, sondern ist auch seine Lego-Seelenverwandte. […]
Für solche Stellen liebe ich Stefania Bertola. Wer braucht schon Rosen, Kerzen und sonstigen Kitsch?
Insgesamt reicht das Buch nicht ganz an meine Lieblingswerke von dieser Autorin heran, aber ich habe beim Lesen wieder viel gelacht und den unerschöpflichen Einfallsreichtum der Autorin bewundert. Ich werde es sicher noch öfter lesen; vieles fällt einem beim ersten Mal sowieso noch nicht auf.


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