Der Großstadtlärm von Tokio

So, es ist so weit – mein erster Artikel über einen Film. Ich wusste, dass er früher oder später kommen würde.
Gestern Abend war ich im Kino und habe Like someone in love gesehen, einen Film von Abbas Kiarostami. Der Regisseur scheint recht berühmt zu sein, ich kannte ihn aber überhaupt nicht, ebenso wenig wie die Schauspieler. Der Wunsch, mir den Film anzuschauen, wurde vom Plakat geweckt, das mich ebenso wie die kurze Beschreibung, die ich las, an Au revoir, Taipei (von wem? Ich erinnere mich nicht) denken ließ. Das Werk stellte sich dann als völlig anders als ich gedacht hätte heraus, es hat mich nicht verzaubert, ich werde es aber auch nicht so schnell vergessen.
Die Eckdaten sind schnell aufgezählt – wir befinden uns in Tokio und haben drei Hauptpersonen: Eine junge, aus einer ländlichen Gegend stammende Studentin, die sich Geld als Callgirl verdient, ihr eifersüchtiger Freund, ein Automechaniker, und ein pensionierter Professor, der das Mädchen ursprünglich als zahlender Kunde zu sich bestellt, sie aber schnell als eine Art Enkelin adoptiert und sich gegenüber ihrem Freund, der dazustößt, auch als ihr Großvater ausgibt.
Das Mädchen, Akiko, ist ständig müde und erschöpft, sie wirkt auch etwas orientierungslos und der Zuschauer weiß nicht recht, was sie eigentlich will (weiß sie es selbst?). Sie scheint sich leicht von anderen Menschen herumscheuchen zu lassen und ich habe mich gefragt, ob es Zufall ist, dass sie sich mit dem alten Herrn so lange über das Bild „Wie man einen Papagei dressiert“ unterhält – in gewisser Weise wirkt auch sie dressiert und papageienhaft. Ihr Freund war mir auf Anhieb unsympathisch, er ist aufbrausend und möchte Akiko permanent kontrollieren – dass er sie schließlich auch schlägt, hat mich nicht überrascht. Am sympathischsten ist im Grunde der Alte, der gütig und im Vergleich mit den jungen Menschen abgeklärt wirkt; gleichzeitig machen ihn die altmodische Kleidung und sein langsames Geschlurfe in Pantoffeln ein wenig lächerlich – ein richtiger Opa eben. Herumscheuchen lässt er sich im Übrigen auch, von den Leuten, die ihn anrufen, weil sie dringende Übersetzungen benötigen. An dieser Stelle musste ich als Übersetzerin grinsen, weil mir Dialoge wie „Ich habe jetzt absolut keine Zeit“ – „Ach, kommen Sie, es sind doch nur fünf Zeilen“ bekannt vorkommen, so läuft es manchmal tatsächlich ab.
Am stärksten aufgefallen sind mir die minutenlangen Gespräche in Echtzeit ohne Hintergrundmusik und nix und der ständige mehr oder weniger gedämpfte Stadtlärm im Hintergrund. Ein großer Teil des Films spielt in Autos, in denen die Protagonisten sich unterhalten, aber auch viel schweigen, und auch in der ansonsten gemütlich wirkenden Wohnung des Professors hört man die Straße die ganze Zeit über. Für meine Ohren war eine solche Geräuschkulisse wirklich ungewohnt.
Leid tat mir die Oma der weiblichen Hauptperson, die einen ganzen Tag lang vergeblich, aber beharrlich auf ihre Enkelin wartet (und nicht weiß, dass diese im Taxi an ihr vorbei gefahren ist und sie von Weitem gesehen hat – mehr ließ ihr fremdbestimmter Zeitplan nicht zu).
Nein, Ähnlichkeiten mit Au revoir, Taipei gab es kaum. Wenn ich diesen Film mit irgendeinem anderen vergleichen müsste, würde ich Lost in Translation sagen.


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