Vielsprachig oder was?

In meiner kurzen Selbstbeschreibung kommt u.a. das Wörtchen „polyglott“ vor. Als ich es verwendete, wollte ich es in der schlichten Bedeutung „mehrere Sprachen beherrschend“ verstanden wissen. Es gibt aber auch eine Community von Polyglots (englisch, mit nur einem t), die ich zwar interessant finde, der ich mich jedoch nicht zugehörig fühle. Im Folgenden möchte ich versuchen, den Grund zu erklären.
Wenn ich an Polyglots denke, dann an Leute wie Benny Lewis, Luca Lampariello oder PolyglotPal. (Lustig, alles Männer, dabei sagt man doch immer, Frauen seien insgesamt begabter für fremde Zungen. Entweder sind die Damen bei den YouTube-Polyglots in der Unterzahl oder weniger berühmt.*) Wenn ich die Community beschreiben sollte, würde ich sagen: Das sind Leute, die bereits viele Sprachen beherrschen und immer noch mehr lernen möchten. Dabei steht das Sprechen im Vordergrund. Und schon geht es los mit den Unterschieden zu mir.
Erst einmal ist es einfach so, dass die drei von mir genannten Herren allesamt mehr Sprachen können als ich; ich mag ja krass drauf sein, aber so dann doch auch wieder nicht. ;) Wobei es mir immer schwer fällt, die Frage zu beantworten, wie viele Sprachen ich denn kann – ich frage dann meistens zurück, was mein Gegenüber denn unter „können“ versteht und versuche, meine Situation zu beschreiben. Und momentan plane ich nicht, eine neue Sprache zu lernen, d.h. mit einer anzufangen, mit der ich mich bisher noch nicht befasst habe. Ich habe es einmal so ausgedrückt: In meinem Garten stehen so einige kleine Pflänzchen, die mehr Pflege vertragen könnten, ich schaffe es jedoch nicht, mich um alle zu kümmern. Wozu soll ich noch mehr pflanzen, da versorge ich lieber die, die schon da sind und versuche, sie weiter wachsen zu lassen (auf dass sie irgendwann süße Früchte tragen :) ).
Und dann muss ich ganz ehrlich sagen, dass es mir immer am meisten darauf ankam, Texte in den Sprachen lesen zu können, die ich so lernte. Klar ist es praktisch, sich in mehreren Sprachen verständigen zu können, aber das war nie mein Hauptanliegen. Mich hat offenbar mein altsprachlich ausgerichtetes Gymnasium verdorben… Heute sind von den 5 Fremdsprachen, die ich auf einem relativ hohen Niveau beherrsche, 2 sogenannte „tote Sprachen“, die also nicht mehr gesprochen werden. Diese beiden heißen Latein und Altfranzösisch und vor allem letztere liebe ich sehr, vielleicht umso mehr, da sie von so wenigen Menschen geliebt (und verstanden) wird. Es ist eigentlich erstaunlich, dass ich sie und die in ihr verfasste Literatur auf diesem Blog bisher kaum erwähnt habe, irgendwann wird es sicher noch dazu kommen. Alte Sprachen scheinen bei den Polyglots keine so große Rolle zu spielen (wobei in Skype me maybe immerhin Latein und Griechisch vorkommen) und das ist bei mir anders.
Mit dem Wunsch, Texte lesen zu können, hängt wohl meine Wissenschaftlernatur zusammen. Ich habe ein sprach- und literaturwissenschaftliches Studium hinter mir, was die Polyglots nicht unbedingt haben und ja auch nicht unbedingt brauchen – sprechen lernen kann man auch, ohne sich viele Umstände zu machen, aber das war es eben nicht, worauf es mir ankam. Ich erinnere mich noch, dass ich mit 19, kurz vor Studienbeginn, einer Bekanntschaft erzählte, ich wollte wissen, wo die romanischen Sprachen ihre Artikel herhaben (im Lateinischen, ihrem gemeinsamen Ursprung, gibt es ja keine) und warum in Italien stelle, in Frankreich jedoch étoiles und in Spanien estrellas am Himmel stehen (hier haben wir es mit dem Phänomen der Prothese zu tun, aber das Wort kannte ich damals noch nicht – oder doch, für künstliche Gliedmaßen). Nun liegt mein Studienabschluss schon ein paar Jahre zurück und ich habe keine wissenschaftliche Laufbahn eingeschlagen, aber das Interesse ist nach wie vor da (und kann mit Selbststudium und dem gelegentlichen Besuch von Vorträgen nur ein Stück weit befriedigt werden, seufz).
Wenn eine Bezeichnung gut auf mich passt, dann „Philologin“ in seiner wörtlichen Bedeutung, also „Freundin der Wörter“. Ich nenne mich aber nie so, da das Wort irgendwie angestaubt wirkt und außerdem auch impliziert, dass man hauptberuflich wissenschaftlich tätig ist, was ich halt nicht bin. Ist aber im Grunde auch gar nicht nötig, mich irgendwie zu bezeichnen – wenn ich Leute kennenlerne, kann ich meine Leidenschaft nie sehr lange verbergen. Und das habe ich wohl mit den Polyglots gemein.

* Nachtrag im Juli: Auf zumindest eine vielzüngige YouTuberIN bin ich mittlerweile doch gestoßen, eine Polin.


0 Antworten auf „Vielsprachig oder was?“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


acht + = dreizehn