Drum wollen wir Stefanias Lob besingen…

„Sie schenkt uns schon das Paradies hinieden,
Nimmt manche Lebenssorge von uns ab,
Drum wollen wir der Träne Lob besingen,
Bis unsre letzte rollt vom Aug herab.“
So heißt es in „Lob der Träne“ von Ernst Pepping. Die Stelle mit dem Rollen passt in meinen Zusammenhang natürlich nicht, aber mir das irdische Paradies geschenkt und mich meine Sorgen vergessen lassen hat Stefania Bertola mehrfach, ja. Schon seit Tagen hatte ich mir vorgenommen, einen Artikel zu ihrem Lobe zu schreiben und nun fand ich gestern in der Bibliothek zufällig ihr neuestes Werk (von dessen Existenz ich noch gar nichts wusste, ich hatte nicht so bald mit Nachschub gerechnet), Ragazze mancine. Ich habe es mitgenommen, aber noch nicht hineingeschaut, vielleicht werde ich mich später noch gesondert dazu äußern, hier nun erst einmal etwas über ihre mir seit Jahren vertrauten älteren Bücher.
Also, wer ist diese Frau und was ist das Besondere an dem, was sie schreibt? Stefania Bertola stammt aus Torino (es widerstrebt mir, die Stadt als „Turin“ zu bezeichnen, für mich war sie immer einfach Torino), wurde 1952 geboren, betätigt sich als Drehbuchschreiberin, als Übersetzerin und eben als Buchautorin. Viel über ihre Person weiß ich im Grunde gar nicht. Ihre Bücher sind dem leichten Genre zuzuordnen, der Unterhaltungsliteratur, aber für mich sind sie außergewöhnlich. Ich weiß nicht, ob ich es als Erste sage und/oder als Einzige so sehe – ich habe sie immer als Parodien auf typische Liebesromane für ein weibliches Publikum (wie finde ich mit 35 schnell einen Vater für meine künftigen Kinder und vorher noch die richtigen Schuhe und warum bekommt meine Schwägerin ihren Braten so viel besser hin als ich?) gelesen, allerdings als wohlwollende Parodien. Es geht zwar viel um Liebe und für die Hauptfiguren gibt es auch meistens ein klassisches Happy End, aber die Situationen sind immer um ein Haar zu unwahrscheinlich bzw. ungewöhnlich und die Charaktere sind oft leicht abgedreht. Ich habe beim Lesen immer viel gelacht und zwar beim zweiten, dritten oder xten Mal über andere Dinge als beim ersten, weil einem vieles im ersten Durchgang gar nicht auffällt. Die Romane sind mit Anspielungen gespickt (von denen ich sicher selbst gar nicht alle verstehe, zumal ich den größten Teil meines Lebens in Deutschland verbracht habe) und keine Figur ist überflüssig, sie alle haben ihre Besonderheiten und ihre Geschichte. Zitiert werden nicht nur Werke anderer Autor_innen, sondern auch die eigenen – einige Charaktere tauchen in einem anderen Buch noch einmal auf oder werden flüchtig erwähnt und gewisse Motive ziehen sich durch das Gesamtwerk der Autorin, von denen mir als erstes die Liebe als Biene einfällt. Wie, ihr wusstet nicht, dass die Liebe eine Biene ist? Dann husch, Biscotti e sospetti lesen, Caterina wird es euch schon erklären!
Mein Lieblingsroman ist wohl A neve ferma, der in einer Konditorei spielt; ja, genau der, in dem das stimmkräftige Zwillingspaar Giovanna und Paola vorkommt, das ich schon einmal erwähnte. Sowohl Emma als auch Bianca sind mir sehr sympathisch (und Camelia ist so herrlich dämlich) und mir gefällt, dass in jeder Kapitelüberschrift eine Süßspeise erwähnt wird. Hoffentlich wurde das in der deutschen Übersetzung so beibehalten – zu den deutschen Versionen siehe unten. Mein Lieblingspaar sind Antonio und Penelope aus Aspirapolvere di stelle, wobei ich jetzt schon die Hälfte verrate, denn am Anfang sieht es absolut nicht danach aus, dass die beiden ein Paar werden. Ich liebe die Stelle, an der Penelope in einem Käseblättchen den Test „Seid ihr verliebt?“ macht und dann freudestrahlend zu Antonio rennt und ihm mitteilt, das Testergebnis sei negativ (woraufhin er sie fragt, warum sie denn in ihn verliebt sein solle und sie antwortet, ihr gefielen manche seiner Pullover – aber ich sollte wirklich nicht so viel verraten). Zwischen den Beiden fällt auch einer meiner Lieblingssätze: „Devi smettere di rubare i serpenti con altri uomini“ (du musst aufhören, mit anderen Männern Schlangen zu klauen). Ein anderer Sprüche-Favorit von mir stammt aus dem gleichen Roman: Nicola sagt zu seiner Frau Arianna „Levati i biscotti dalle orecchie e ascoltami“ (nimm die Kekse aus den Ohren und hör mir zu). Ich kann übrigens gerade nicht überprüfen, ob ich korrekt zitiere, da sich das Buch seit Monaten bei einer Kollegin befindet – V., lies mal ein bisschen schneller!
Dass die Nebenpersonen besondere Aufmerksamkeit verdienen und manchmal cooler als die Hauptfiguren sind, deutete ich ja schon an. Mein Liebling ist wohl Malcolm, der Nachbar von Ginevra in Aspirapolvere di stelle , ein polyglotter schwuler Engländer, der immer den richtigen Spruch und das richtige Getränk parat hat und so viel weiß, dass Ginevra ihn heimlich verdächtigt, ein Spion zu sein, statt bei einem Verlag zu arbeiten. Herrlich ist auch Rita, Mutter von Emma aus A neve ferma, die ständig nur am Putzen ist und ihren Mann in den Garten scheucht, weil er angeblich alles dreckig macht. Bei den älteren Damen fällt mir auch noch Delfina ein, die Großtante von Caterina und Violetta aus Biscotti e sospetti, die jedes Mal, wenn im Fernsehen an der Tür geläutet wird oder das Telefon klingelt, zur Tür oder ans Telefon stürzt und dann die Nachbarskinder oder sonstwen verdächtigt, ihr Streiche zu spielen.
Ich habe das Gefühl, dass die Autorin schon in ihrer Heimat nicht so bekannt und berühmt ist, wie sie es verdienen würde. In Deutschland sieht es noch finsterer aus und mir scheint, dass sie hierzulande unterschätzt und stiefmütterlich behandelt wird. Die deutschen Titel ihrer Romane sind teilweise entsetzlich – geht es einfallsloser als „Küss mich, Amore“ und „Ein Mann zum Verlieben“? Ein ganzes Buch in deutscher Übersetzung habe ich nie gelesen – kaufen möchte ich mir keins, ich habe ja die Originale und in Buchläden und Bibliotheken stehen die Übersetzungen nicht herum – aber irgendwann konnte ich mal online einen Auszug anschauen und fand ihn nicht so doll. Irgendwie unwitzig und mindestens ein richtiger Sinnfehler war auch dabei. Italienischkönner_innen sollten also wohl lieber zu den Originalversionen greifen.
Deutlich weniger gut als die Romane finde ich übrigens die Kurzgeschichten, die unter dem Titel Il primo miracolo di George Harrison gesammelt sind. Einige sind schon gut, aber andere langweilig und eine einfach nur makaber, was zur Autorin nicht passt, wie ich finde. Nun, die Romane sind jedenfalls göttlich.


2 Antworten auf „Drum wollen wir Stefanias Lob besingen…“


  1. 1 Carmilla DeWinter 23. Februar 2014 um 22:58 Uhr

    KLingt nun nicht nach meinem Genre, und Italienisch kann ich auch nicht, aber sogar ich sehe, dass die Titel für die deutschen Übersetzungen mistig sind. So viel zu, soll spannend klingen und Interesse wecken. Was hat sich der Verlag nur gedacht, so tief in die Mottenkiste zu greifen? *kopfkratz*

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 24. Februar 2014 um 8:05 Uhr

    Ja, es wirkt tatsächlich, als hätten sie gewollt, dass niemand nach den Büchern greift…
    Wobei ich mir bei „Küss mich, Amore“ noch vorstellen kann, dass hier Leute angesprochen werden sollen, die gern etwas aus Italien lesen und auf Italo-Klischees abfahren.

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