Ratten an Quantitätenkollaps verendet

Einen Artikel zu schreiben, in dem ich meine Lieblingswörter in verschiedenen Sprachen vorstelle, habe ich mir schon vorgenommen, als dieser Blog geboren wurde. Nun soll es so weit sein.
Beginnen wir mit der Muttersprache: Mein Lieblingswort im Deutschen ist Quantitätenkollaps. Es bezeichnet den Vorgang, durch den die Vokale im Vulgärlatein die Unterscheidung zwischen lang und kurz aufgeben und stattdessen offen oder geschlossen sein können – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu den romanischen Sprachen. Ich las das Wort zum ersten Mal mit 19 Jahren als Erstsemestlerin in einem in die französische Sprachwissenschaft einführenden Werk und musste unweigerlich lachen, es klingt doch wie eine merkwürdige Krankheit. Als ich in Frankreich studierte, wurde das Phänomen immer nur schlicht als „mutation du système vocalique“ bezeichnet, was längst nicht so ulkig ist.
Auf Französisch habe ich derzeit zwei Lieblingswörter. Dem ersten begegnete ich vor ca. einem Jahr in einem Text, den ich übersetzen musste, es lautet dératisation – Rattenvernichtung. Wollte man es ganz wörtlich übersetzen, käme „Entrattung“ dabei heraus – ich weiß nicht, ich finde das köstlich. Auf das zweite stieß ich vor ein paar Monaten in einem französischen Internetforum: clavarder. Es bedeutet „chatten“ und ist eine Kreuzung aus clavier, Tastatur und bavarder, quatschen. Im Online-Wörterbuch Leo ist es mit dem Vermerk Canada versehen und die junge Frau, die das Wort gebrauchte, ist in der Tat aus Québec. Im Sachs-Villatte ist dieses nette Verb gar nicht aufgeführt (im Petit Robert auch nicht, aber mein Exemplar ist von 2003, möglicherweise haben spätere Auflagen es drin). Ob es außerhalb Kanadas überhaupt gebraucht wird?
Und auch im Polnischen habe ich einen Favoriten: jakość. Das bedeutet „Qualität“, also an sich nichts Spektakuläres, aber ich mag es, weil es eine perfekte Nachbildung vom lateinischen quali-tas ist: jak bedeutet ebenso wie qualis „wie“ und -ość ist im Polnischen als Suffix für feminine Substantive ungefähr so häufig wie -tas im Lateinischen. – Lehnprägungen sind schon etwas Nettes, vielleicht gehe ich auf dieses Thema irgendwann noch genauer ein. Für heute soll es das erst einmal gewesen sein.


6 Antworten auf „Ratten an Quantitätenkollaps verendet“


  1. 1 Kitschautorin 27. September 2014 um 15:18 Uhr

    Das Wort „clavarder“ finde ich auch cool. Als Übersetzerin hat man mit solchen Wortgruppen ja gelegentlich zu kämpfen, die Franzosen bemühen sich ja sehr um eigene Wörter.

  2. 2 Jabnaki 27. September 2014 um 21:59 Uhr

    Quantitätenkollaps habe ich auch von Anfang an ulkig gefunden, und sogar hübsch. Das ist auch etwa so lange her wie bei dir, daß mir das aufgefallen ist.

  3. 3 Fiammetta de Bornelh 27. September 2014 um 23:35 Uhr

    @ Kitschautorin: Ich hasse es, wenn in frz. Texten das Wort „gestion“ vorkommt, weil das so vieles heißen kann.
    @Jabnaki: Auch Romanist?

  4. 4 Jabnaki 28. September 2014 um 12:27 Uhr

    Romanist bin ich nicht, aber ich habe mich einige Jahre sehr viel mit Latein beschäftigt, besonders Latein verschiedener Zeiten, die Aussprachen und ungewöhnliche Wörter haben mich interessiert. Mit Mühe kann ich sogar an einem lateinischen Gespräch teilnehmen.

    „Clavarder“ hat mir auch gefallen. Gestern habe ich mir überlegt, ob ich es als ‚klavardieren‘ übernehmen sollte, aber es kam mir dann zu kantig vor.

  5. 5 Kitschautorin 28. September 2014 um 12:51 Uhr

    Ja, das fand ich auch immer furchtbar.

  6. 6 Fiammetta de Bornelh 28. September 2014 um 13:09 Uhr

    @ Jabnaki: „Klavardieren“ würde im Deutschen, glaube ich, nicht verstanden werden, da ein Klavier bei uns keine Computertastatur ist. Leute würden entweder an das Instrument denken oder vielleicht noch an das Schlüsselbein (Klavikula). ;)

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