Der Name ist’s, der Menschen zieret…

…Weil er das Erdenpack sortieret.
Bist du auch dämlich, schief und krumm,
Du bist ein Individuum.

Diese Verse stammen von Tucholsky und ich fand sie mit 12 Jahren wahnsinnig witzig. Doch hélas, ich habe den von meinen Eltern ausgewählten Vornamen nie als Zierde empfunden, eher als Last und Ärgernis. So groß war der Ärger, dass ich schließlich den Weg der öffentlich-rechtlichen Namensänderung ging und da sich zu diesem Thema im Internet wenig Erfahrungsberichte finden und es auch einfach nicht so viele Menschen zu geben scheint, die ihren Namen ändern, möchte ich meine Geschichte an dieser Stelle erzählen.
Ich wurde 1985 geboren und bekam einen weiblichen Vornamen, der in Deutschland nie sehr verbreitet war (in anderen Ländern ist er alltäglicher) und vielen Menschen gar nicht geläufig ist. Wer ihn liest, spricht ihn häufig falsch aus, wer ihn hört, schreibt ihn teilweise falsch – Nachfragen à la „Wie war das?“ waren mein steter Begleiter. Eindeutig weiblich ist er vom Klang her auch nicht, so dass ich teilweise beim Arzt als „Herr XY“ aufgerufen wurde bzw. Briefe an einen Herrn bekam, den es nicht gab. Das alles wäre vielleicht nicht so tragisch gewesen, wenn der Name mir selbst gefallen hätte, aber das war niemals der Fall. Sein Klang war für mich Missklang und ich empfand ihn nie als zu mir gehörig. Im Kindergartenalter erfand ich, wenn man mich nach meinem Namen fragte, irgendetwas oder behauptete, gar keinen Namen zu haben. Im Schulalter probierte ich verschiedene existierende weibliche Vornamen durch und fand mit 12 Jahren eher zufällig meinen Favoriten, bei dem ich letztendlich blieb. Zunächst nannte mich nur eine Freundin so; mit den Jahren griff die Sache immer mehr um sich, immer mehr Freunde verwendeten den Namen, zunächst nur aus Spaß, dann immer. Als ich mit 19 Jahren mein Abitur machte und zum Studium in eine andere Stadt zog, nutzte ich die Gelegenheit, in ein neues Umfeld zu kommen und stellte mich gleich mit dem von mir bevorzugten Namen vor. Mein damaliger Chor hat niemals erfahren, dass ich „eigentlich“ anders hieß, weil ich dort zu keiner Gelegenheit meinen Ausweis zücken musste. Schwieriger war die Sache im Umgang mit Kommiliton_innen, da ich ja für Lehrveranstaltungen mit meinem offiziellen Namen angemeldet war, so auf Listen stand und von den Lehrenden, soweit sie den Vornamen verwendeten, so angeredet wurde. Ich musste auch die Erfahrung machen, dass Leute mich als „Lügnerin“ bezeichneten oder auslachten. Bei einer Freundin, die ich in der Studienzeit kennenlernte, musste ich jahrelang warten, bis sie mich endlich so anredete wie ich es wollte. Umso stärker wurde ich von einer anderen Freundin unterstützt, die mich, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, jahrelang bearbeitete, dass ich doch endlich zum Standesamt gehen sollte. Anfang 2009 ging ich schließlich hin, erzählte von meinem Wunsch, meinem Vornamen einen zweiten hinzuzufügen und fragte, was denn dafür nötig sei. Die Sachbearbeiterin erklärte mir alles: Ich müsse einen Antrag stellen, schriftlich glaubhaft darlegen, dass mein Geburtsname für mich eine Belastung darstelle und Belege dafür vorweisen, dass ich unter meinem selbstgewählten Namen bekannt sei. Außerdem seien schriftliche Statements von Menschen, die mich unterstützen, hilfreich. Ich machte mich ans Werk, schrieb meine Begründung und suchte nach älteren Briefumschlägen, auf denen mein bevorzugter Name prangte (mit erkennbarem Datum auf dem Poststempel!) sowie Vokabeltests aus der Schulzeit, die ich mit ihm versehen hatte. Unterstützung in schriftlicher Form kam von besagter Freundin sowie meiner Mutter, der der von ihr ausgesuchte Name zwar noch immer gefiel, die mich aber verstand. Wenn ich mich recht erinnere, reichte ich das alles um Ostern herum beim Standesamt ein. Die freudige Nachricht, dass mein Antrag bewilligt worden sei, erhielt ich definitiv im späten Sommer – meine „Urkunde über die Änderung des Vornamens“ trägt das Datum 31. 8. 2009. Darauf steht sozusagen, dass Alix de Bornelh, geboren dann und dann, wohnhaft da und da, von jetzt an die Vornamen Alix Fiammetta führt. Damit konnte ich dann zum Bürgeramt traben und einen neuen Personalausweis beantragen. Die öffentlich-rechtliche Namensänderung kostete mich ca. 240 €, ich erinnere mich nicht an den genauen Betrag, weiß aber noch, dass er knapp unter der für Änderungen des Vornamens vorgesehenen Höchstgrenze von 255 € lag. Hinzu kamen die Kosten für den neuen Ausweis.
Stehe ich noch heute zu dieser Entscheidung? Ja, auf jeden Fall. Den Vornamen, den ich als den meinigen empfinde, auch offiziell führen zu können, erleichtert vieles – ich konnte ihn für Praktikumsverträge verwenden und stelle mich jetzt Auftraggebern so vor, nenne mich auf meiner offiziellen, beruflichen Website so etc. Schade ist, dass auf meinem Abschlusszeugnis von der Uni nur mein erster, alter Vorname steht, obwohl die Änderung damals schon offiziell durch war. Ich hatte mich damals erkundigt, ob man nicht beide draufschreiben könne, es ging nicht, ich weiß nicht mehr warum.
Ich hoffe, mein Bericht hilft diem einen oder anderen weiter. Keine Ahnung habe ich von Änderungen des Familiennamens oder dem Eintragen eines Künstlernamens, damit habe ich mich nie befasst, wahrscheinlich gelten da nochmal andere Regeln. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass es ein Stück weit von dier Sachbearbeiter_in abhängt, ob ein Antrag durchkommt oder nicht. Ein Freund von mir in einer ähnlichen Situation versuchte vor einigen Monaten genau das Gleiche wie ich und bekam eine Ablehnung, er zieht jetzt vor Gericht. Daumen drücken!

Nachtrag Anfang Juni: Die Klage meines Freundes hatte Erfolg, er kann seinen selbstgewählten Vornamen jetzt offiziell führen (er hatte von seinen Eltern zwei Namen bekommen, die beide gestrichen wurden, nun trägt er nur noch einen – seinen). Soll ihn einiges an Geld gekostet haben, die genaue Summe ist mir nicht bekannt. Super, was? :)


11 Antworten auf „Der Name ist’s, der Menschen zieret…“


  1. 1 Marcus 08. April 2014 um 16:38 Uhr

    Hey, danke das du deine Erfahrungen geteilt hast.
    Wollte fragen wie es denn mit dem Freund ist. Hat er es geschafft?

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 08. April 2014 um 16:48 Uhr

    Ich danke dir für deinen Kommentar! :)
    Was den in meinem Text erwähnten Freund betrifft, habe ich keine aktuelleren Informationen. Wir haben nicht so häufig Kontakt und in meiner letzten Mail habe ich vergessen, ihn danach zu fragen.
    Möchtest du auch deinen Vornamen ändern bzw. hast du schon?

  3. 3 Marcus 17. April 2014 um 23:48 Uhr

    Möchte ihn ändern lassen (Zweiten hinzufügen). Versuche es aber erst nächstes Jahr, nachdem Schule und dergleichen beendet ist..

    Aber viel Hoffnung habe ich da leider nicht, so streng wie die sind -.-‘

  4. 4 jana 03. August 2014 um 12:13 Uhr

    Hallo, möchte meinen Nachnamen ändern lassen und den Mädchennamen meiner Mutter annehmen. leider habe ich keine Ahnung wie man so einen Brief verfassen soll und was man reinschreibt. Kann mir da jemand behilflich sein?

  5. 5 Fiammetta de Bornelh 03. August 2014 um 13:05 Uhr

    Da kann ich nur den Rat geben, zum Standesamt zu gehen und diesbezüglich Rat einzuholen. Selbst habe ich was die Änderung des Nachnamens betrifft keine Erfahrung, weiß aber, dass so etwas wesentlich teurer als eine Änderung des Vornamens werden kann.

  6. 6 Lynda 19. August 2014 um 23:49 Uhr

    Hallo, ich bin 11 Jahre und würde meinen Namen manchmal auch gerne mal ändern, da manche mich auslachen, verspotten oder gar Einfach Extra falsch aussprechen. Ich würde Liebendgerne einen Jungennamen annehmen, da ich gerne einer wäre (USW.) Weiß vielleicht einer ob man das mit 11 bzw. Bald 12 irgendwie beantragen kann, mit der Einverständnis der Eltern, bzw mit meiner Mutter? LG Lynda

  7. 7 Fiammetta de Bornelh 20. August 2014 um 9:13 Uhr

    Oh, das sind lauter Dinge, über die ich nicht großartig Bescheid weiß. Ich war volljährig und habe einen zusätzlichen weiblichen Vornamen angenommen.
    Soweit ich weiß, muss bei Minderjährigen der Antrag auf Vornamensänderung von den Eltern bzw. gemeinsam mit den Eltern gestellt werden, allein geht es nicht. Und als Frau lebende Menschen können wohl auch keine männlichen Vornamen tragen; es gibt bei Trans*-Menschen (Frauen, die mit einem männlichen Körper geboren sind und umgekehrt) aber die Möglichkeit einer Personenstandsänderung, bei der dann auch der Vorname entsprechend dem gefühlten Geschlecht geändert wird. Über dieses Thema findet man an anderen Orten mehr Informationen.

  8. 8 Gerd D. 10. Oktober 2015 um 20:24 Uhr

    Jahre später…

    Bei meinem Bruder mussten meine Eltern seinerzeit bei der Geburt einen Zweitnamen hinzufügen, da wenigsten einer der geführten Namen geschlechtseindeutig sein muss – also wäre wohl das annehmen eines geschlechtsneutralen Zweitnamens möglich.

    Wusste überigens nicht das es einem in Deutschland so schwer gemacht wird eine Namensänderung vorzunehmen – sollte man eigentlich meinen so etwas wäre ein simples demokratisches Grundrecht.
    Sollen die Leute doch heißen dürfen wie sie selbst wollen.

  9. 9 Fiammetta de Bornelh 10. Oktober 2015 um 20:45 Uhr

    Ja, Deutschland gehört zu den Ländern, in denen eine Änderung des Vornamens möglich, aber aufwändig ist. Es gibt Länder, in denen man seinen Namen einfach so ändern kann, und wieder andere, wo das gar nicht möglich ist. Der erwähnte Freund musste warten, bis er deutscher Staatsbürger wurde, in seinem Geburtsland hätte er den Antrag nie stellen können.
    Ich fände es ja am besten, wenn die Leute bei ihrer Geburt einen vorläufigen Vornamen bekämen und dann bei Erreichen der Volljährigkeit selbst wählen könnten, aber so ist es halt nicht.

  10. 10 Danny 14. Januar 2018 um 17:00 Uhr

    Schön, dass du deine Erfahrungen teilst. :) Ich würde auch gerne meinen Namen offiziell in Daniella ändern (am liebsten direkt in Danny, aber wird wegen der uneindeutigen Geschlechterzuordnung schwierig), weil ich meinen Geburtsnamen einerseits sowieso nie mochte und ich mit diesem auch eine psychisch belastende Vergangenheit verbinde (inklusive jahrelanges Mobbing, Schulwechsel, familiäre Geschichten). Da ich jetzt volljährig bin, kann ich zwar den Antrag stellen, aber habe immer Sorge, dass dieser abgelehnt wird und das Geld umsonst ausgegeben wird. :/

  11. 11 Fiammetta de Bornelh 14. Januar 2018 um 20:07 Uhr

    Ich weiß nicht, ob im Falle einer Ablehnung des Antrags überhaupt etwas zu zahlen ist. Der ganze Betrag aber auf keinen Fall, kann ich mir nicht vorstellen.
    Beim zuständigen Standesamt erfährst du sicherlich mehr.

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