Aggregatzustand: flüssig?

Ein Thread im französischen Forum hat mich bewogen, etwas über das Thema „Veränderlichkeit der sexuellen Orientierung“ zu schreiben – ein Mann fragte dort, ob man asexuell werden könne und beschrieb kurz seine Situation und seine Empfindungen. Tja, das Thema kommt immer wieder einmal auf den Tisch und dass sich generell alles im Leben ändert oder ändern kann, sang ja schon Mercedes Sosa (kurze vom-Thema-Abweicherei: Ich könnte schwören, dass es auf YT früher eine Version ohne Panflöte gab, in der sich die Gitarrenbegleitung interessanter mit dem Gesang rieb – die gefiel mir viel besser).
Also, wie denke ich über die Frage der fluidité bzw. auf Englisch fluidity (und gibt es auf Deutsch eigentlich auch ein Substantiv mit dieser Bedeutung)? – Nun, ich bin der Ansicht, dass sich die sexuelle Orientierung eines Menschen durchaus ändern kann, dass dies aber eher selten vorkommt und dass andere Dinge häufig mit einer solchen Änderung verwechselt werden, nämlich das Erkennen der eigenen sexuellen Orientierung und das Coming Out. Wer in einer Welt aufwächst, in der Heterosexualität als Norm gilt, braucht unter Umständen eine Weile, um zu begreifen oder sich einzugestehen, dass sier nicht heterosexuell ist. Noch schwieriger wird die Sache, wenn die eigene Orientierung wenig bekannt ist und man vielleicht selbst noch nie von ihr gehört hat, kein Wort dafür kennt – was auf viele Asexuelle zutrifft. Den Satz „Ich hätte nie gedacht, dass es noch andere Menschen gibt, die so empfinden wie ich“ kann man in Vorstellungen von Neuangemeldeten in den Foren für Asexualität immer wieder lesen. Diese Menschen können sich teilweise erst nach mehreren Lebensjahrzehnten als asexuell bezeichnen, sind es aber in dem Moment, in dem sie dies können, nicht plötzlich geworden. An dieser Stelle sei auch an den Unterschied zwischen sexueller Orientierung und sexuellem Verhalten erinnert – nein, das ist nicht das gleiche. Eine Frau kann bspw. jahrelang Sex mit Männern haben und irgendwann erkennen, dass sie lieber welchen mit Frauen oder eben gar keinen haben möchte.
Was sexuelle Orientierungen ebenfalls nicht sind, sind Entscheidungen. Ein Coming Out ist jedoch eine und nachdem jemand eine solche Entscheidung getroffen hat, ändert sich möglicherweise der Blick anderer Menschen auf sien. Die fiktive Frau aus dem Beispiel weiter oben wird dann in den Augen langjähriger Bekannter zur Lesbe oder zur Asexuellen, war es aber tatsächlich schon lange vorher.
Eng verbunden mit der Vorstellung, dass man irgendwie wird ist die Frage, warum man das denn wird. Je unbekannter die jeweilige Orientierung, desto eifriger wird nach Gründen gesucht. Asexuelle Menschen werden so häufig mit (ungebetenen) Erklärungen für ihre Asexualität beglückt, dass Swankivy, engagierte Aktivistin aus Florida, dem Thema ein Video gewidmet hat und der Informationsflyer von AktivistA explizit aufzählt, was Asexualität NICHT ist. Dies heißt natürlich nicht, dass asexuelle Menschen nicht von Krankheiten betroffen sein können, schlechte Erlebnisse gehabt haben können etc. – diese Dinge sind dann aber nicht der Grund für ihre Orientierung, sondern gehören einfach unabhängig davon zur jeweiligen Person. Für eine sexuelle Orientierung gibt es keinen Grund – und für eine Änderung derselben, wenn es sich denn wirklich um eine Änderung handelt und nicht um einen der oben beschriebenen Fälle, eben auch nicht.
Vieles könnte man noch sagen – ich frage mich z.B., ob viele bi- und pansexuelle Menschen sich zunächst für homo oder hetero hielten, bevor ihnen auffiel, dass ihnen nicht nur ein Geschlecht zusagt. Ich selbst bezeichnete mich als Jugendliche als lesbisch, bevor mir klar wurde, dass ich in Wirklichkeit (asexuell und) biromantisch bin. Keine Änderung, sondern Zuwachs an Erkenntnissen. Dennoch belasse ich es hierbei und verweise zum Schluss noch auf einen meiner Meinung nach sehr guten Artikel von swankivy zum Thema „Asexuality and Sexual Fluidity“.


3 Antworten auf „Aggregatzustand: flüssig?“


  1. 1 Carmilla DeWinter 06. Februar 2014 um 22:13 Uhr

    Salut, als Apothekerin kann ich bestätigen, dass die Fluidität tatsächich existiert – als Gegensatz zur Viskosität – und etwas darüber aussagt, wie sich Flüssigkeiten verhalten. Jede_r, dier sich schon mal den Ketchup flüssiger geschüttelt hat, sollte mit diesen Größen praktische Erfahrung haben.

    Was den Rest des Artikels angeht: eine sehr schöne Zusammenfassung. Wobei ich allerdings schon glaube, dass Sexualität und romantische Orientierungen in einem gewissen Rahmen veränderlich sind. Bestes Beispiel bin ich, die ich mich bis vor zehn Jahren eher als heteroromantisch eingestuft hätte, bis diese ganzen Schwärmereien langsam, aber unaufhaltsam verschwunden sind. Ich habe immer noch keine Ahnung, woran das genau liegt. *schulterzuck* Gibt auch wichtigeres. Es war nett, aber drum traurig sein kann ich auch nicht.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 07. Februar 2014 um 8:30 Uhr

    Dass es „Fluidität“ im Deutschen als Substantiv gibt, wusste ich, aber in meinem Zusammenhang verwendet man das doch nicht, oder?
    Daran, dass sich Orientierungen manchmal ändern, glaube ich wie gesagt auch, halte das aber eben für relativ selten. Aber gut, als Asexuelle sind wir auch Vertreter einer seltenen Spezies und trotzdem da :) .
    Ich wollte den Artikel möglichst kurz halten, damit er nicht so konfus wird und habe daher vieles nicht erwähnt, natürlich ist die Sache insgesamt viel komplexer.

  3. 3 Carmilla DeWinter 07. Februar 2014 um 13:52 Uhr

    Was die Verwendung von „Fluidität“ angeht, glaube ich, dass das vor allem eine Sache der Zeit ist. Irgendwann wird diese ganze Diskussion über den großen Teich schwappen. Oder sie hat es schon getan, wenn mensch dieses hier liest.
    Und offenbar habe ich nicht richtig hingelesen, was den Rest angeht.

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