Von Epen und Mythen

In letzter Zeit höre / lese ich es öfter, dass Dinge als „episch“ bezeichnet werden. Erst vor einer Woche verwendete ein Freund von mir das Wort angesichts einer spektakulären Kampfszene in einer Science-Fiction-Serie und ein paar Tage später las ich in einem Forum „das wäre episch“ in der Bedeutung von „das wäre super“. Hier haben wir es offensichtlich mit einer vom Englischen beeinflussten Lehnbedeutung zu tun; das Oxford Advanced Learner’s Dictionary gibt als Bedeutung des Adjektivs epic an dritter Stelle „very great and impressive“ an.
Ein Epos ist laut Harenbergs Lexikon der Weltliteratur eine „Großform erzählender Dichtung in Versen und Strophen“, die meist in Gesänge unterteilt ist. Es gibt einen zentralen Helden und es kommen oft „bedeutsame Ereignisse“ wie Schlachten und Stadtgründungen vor. Berühmte Beispiele sind die Odyssee oder auch das Rolandslied. Wenn Leute „episch“ sagen, scheinen sie damit so etwas wie „eines Epos würdig“ zu meinen – wobei Sätze wie „das wäre episch“ im Sinne von „das wäre super“ ja zeigen, dass die Bedeutung sich erweitert (und abschwächt?) und das Adjektiv auf eine Karriere als Synonym von Wörtern wie „super“, „klasse“, „cool“ etc. hinsteuert. Man wird sehen.
Mich erinnert die Verwendung von „episch“ im Deutschen an die von „mitico“ und „mito“, wörtlich „mythisch“ und „Mythos“, im Italienischen. Unter dem Stichwort „Mythos“ belehrt uns das o.g. Lexikon, der Begriff bedeute ursprünglich „heiliges Wort“ und werde heute verwendet, um eine „Erzählung von den Göttern“ zu bezeichnen. Ein Beispiel wäre hier der Mythos von Apoll und Daphne, der in den Metamorphosen von Ovid nacherzählt wird und in Petrarcas Canzoniere ein Dauerbrenner ist. Über 700 Jahre nach Petrarcas Tod bezeichnen die Italiener heute Musiker, Schauspieler etc., jedenfalls Menschen, die sie toll finden und bewundern, als „mitico“. Man braucht nur ein beliebiges Video des Komikertrios Aldo Giovanni e Giacomo (die ich persönlich ebenfalls großartig finde) auf YouTube anzuklicken und sich die Kommentare durchzulesen und schwupps, schon stößt man auf das Wort. Sozusagen die Steigerung des Adjektivs ist das Substantiv, d.h. die Bezeichnung einer Person als „mito“. Die zehnjährigen Zwillinge Giovanna und Paola in Stefania Bertolas Roman A neve ferma (Torino 2006) kreischen immer mal wieder „sei un mito“, wenn sie jemanden mögen, das ist sozusagen ihr Markenzeichen. Mich würde interessieren, wie dieser Lieblingsausspruch der beiden ins Deutsche übersetzt wurde – der Roman ist definitiv auf Deutsch erschienen, der Titel ist soweit ich weiß ein Herz aus Schokolade*. Hätte ich heute den Auftrag, ein deutsches Äquivalent zu finden, würde ich die Lösung „episch“ zumindest in Betracht ziehen. Kann man auf Deutsch zu jemandem „du bist episch“ sagen? „Du bist ein Epos“ geht jedenfalls nicht – da sind die Italiener kühner als wir. :)

* Miss Duncelbunt sei Dank weiß ich inzwischen, dass an einer entscheidenden Stelle, an der die beiden Mädels ihren Spruch loslassen (in diesem Falle haben sie ihn auf ein Plakat geschrieben), mit „Vale ist 1 Mythos“ übersetzt wurde. Finde ich nicht sehr gelungen.


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