Kentum-Satem-Verwirrung, aber ansonsten nicht schlecht

Bei meinem letzten Besuch in der Bibliothek fiel mein Blick auf das Buch „Die indogermanischen Sprachen“ von Ernst Kausen (Hamburg, 2012; ist mit insgesamt über 700 Seiten auch schwer zu übersehen). Da ich Indogermanistik (als Magister-Nebenfach) studiert habe und es das Buch noch nicht gab, als ich noch an der Uni war, wurde ich neugierig und schleppte es mit nach Hause.
Laut Vorwort richtet sich das Werk an Studierende diverser Philologien, an Sprachlehrer_innen, an sprachinteressierte Menschen im Allgemeinen sowie an Studierende der Indogermanistik, die mehr über die heute noch lebenden Nachfolger der von ihnen studierten alten Sprachen erfahren möchten. So wie ich es sehe, erfüllt es diesen Zweck. Es ist sehr ausführlich, dabei übersichtlich gegliedert und bietet jede Menge interessanter Informationen. Ich habe durch die Lektüre einiges erfahren, das ich noch nicht wusste (bzw. eventuell irgendwann einmal wusste und vergessen habe) – zum Beispiel …
- In Tadschikistan wird Persisch und somit eine indogermanische Sprache gesprochen – ich hätte Stein und Bein geschworen, dass die Leute dort irgendeine Turksprache wie Kirgisisch, Kasachisch etc. sprechen
- Die Schrift Futhark (die allen Runenschriften zugrunde liegt) heißt nach ihren ersten sechs Buchstaben so – ich hatte mich nie gefragt, woher der Name kommt
- Das Armenische hat 6,5 Millionen Sprecher, von denen nur 3 Millionen in Armenien leben – Grund ist eine tausendjährige Geschichte von Migration, Deportationen etc.
- Der Begriff „Sinti und Roma“ ist eigentlich unsinnig, da das Sinti ein Dialekt des Romani ist
Leider, leider hat das Buch auch ein paar Schwachstellen. So steht z.B. auf S. 392 oben (wir befinden uns mitten im Kapitel über das Griechische) schwarz auf weiß: „die Palatalisierung der Velare entfällt (*k‘ > k, *g‘ > g etc.); Griechisch ist also eine Satem-Sprache“. Ich sehe wohl nicht richtig! Nochmal genauer hingeguckt… doch. Hm, werten wir das als Fall von „schwarz meinen, weiß sagen“, kann mal passieren. Bei dem einen Mal bleibt es jedoch nicht. Auf S. 443 – wir befinden uns am Ende des Kapitels über indogermanische Restsprachen – heißt es: „Die lexikalischen Gemeinsamkeiten sowie mehrere linguistische Merkmale […] weisen auf die Nähe des Phrygischen zum Griechischen hin (das allerdings im Gegensatz zum Phrygischen eine Satem-Sprache ist).“ Wat soll denn der Quark?
Eingeführt in das Thema Kentum und Satem wird auf S. 45 und hier wird das Griechische richtig bei den Kentumsprachen eingeordnet. Die Erklärung, was diese beiden Gruppen eigentlich ausmacht, ist allerdings etwas dürftig – hier hätte man meiner Meinung nach die drei Reihen Labiovelare, Velare und Palatale aufführen und darstellen können, dass in den Kentumsprachen die zweite und dritte zusammenfallen und als Velare weiterleben, während die erste sich anders weiterentwickelt und in den Satemsprachen die erste und die zweite in Form von Velaren fortgesetzt werden, während die dritte zu Zischlauten wird.
Wenn wir schon beim Bemängeln sind: Ich finde es unlogisch, dass auf S. 238 in der Tabelle „romanische Wortgleichungen“ im Okzitanischen ca (Hund) ohne -n am Ende geschrieben wird, pan (Brot) dagegen mit. Nach den Regeln, die ich gelernt habe, wird das -n in beiden Fällen geschrieben (aber nicht gesprochen). Und ich glaube, ich hätte neben der Unterscheidung ost-/westromanisch auch noch die beiden Gruppen Zentral- und Randromania erwähnt. Und im Kapitel zu den slawischen Sprachen wäre eine Behandlung der drei Palatalisierungs“wellen“ und eine Erläuterung, welche denn nun welche der drei Gruppen ost-, west- und südslawisch betrifft, schön gewesen – für mich persönlich jedenfalls, weil ich mir das nie merken kann. ;)
Zu lachen gibt es bei so einem Fachbuch natürlich nicht viel. Zwei Stellen fand ich dennoch komisch, nämlich:
S. 329 oben (es geht gerade um belebte und unbelebte Substantive im Altkirchenslawischen): „Vereinfacht ausgedrückt wird bei belebten maskulinen Substantiven die Genitivform, bei unbelebten die Nominativform für den Akkusativ verwendet. Tatsächlich ist die Situation nicht ganz so eindeutig, da bei Bezeichnungen für Tiere in rund 70%, für Kinder, Dämonen und Geister in etwa 90% aller Fälle die „unbelebte“ Nominativform verwendet wird […].“ Hihi. Ich kann allerdings vom Polnischen her bestätigen, dass slawische Sprachen in diesem Zusammenhang nicht sonderlich logisch sind.
S. 508 unten (zu den Sprechern des Tocharischen; es geht gerade um einen Mumienfund, der möglicherweise Anhaltspunkte liefert): „[…] allerdings ist völlig ungewiss, welche Sprache die nach ihrem Tod Mumifizierten zu ihren Lebzeiten gesprochen haben […]“. Sie wurden nach ihrem Tod mumifiziert und haben zu Lebzeiten gesprochen? Sicher, dass es nicht umgekehrt war …?
Fazit? Interessante Lektüre, guter Überblick, aber im Zweifelsfalle lieber auch nochmal anderswo nachschlagen.


2 Antworten auf „Kentum-Satem-Verwirrung, aber ansonsten nicht schlecht“


  1. 1 Lisa Tiefenbach 30. März 2016 um 21:42 Uhr

    Diese Rezension ist zwar schon ein wenig älter, aber hat mir trotzdem unglaublich weitergeholfen! Ich bin gerade auf der angesprochenen Seite 392 und zerbreche mir seit einer halben Stunde den Kopf, wie um Himmels Willen Griechisch eine Satemsprache sein kann. Vielen Dank für das Augenöffnen!

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 31. März 2016 um 9:27 Uhr

    Gern geschehen! Ich freue mich, wenn meine Texte Leuten weiterhelfen und im Gegensatz zu Käse schimmeln sie ja nicht. ;)

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