Die Stadt so fern und die Tür verschlossen

Schon seit Längerem gehört zu meinen bevorzugten Musikrichtungen die sephardische Musik. – Hä, seph was?
Das Sephardische wird auch Judenspanisch, Spaniolisch, Ladino oder noch anders genannt und ist die traditionelle Sprache der Juden, die bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1492 in Spanien, danach in zahlreichen Ländern wie Marokko, Griechenland und Bulgarien lebten. Heute hört man die Sprache fast nur noch in der Türkei und in Israel, aber auch dort ist sie bedroht, die Sprecherzahlen gehen stark zurück. Weltweit soll es noch ca. 30.000-50.000 Sprecher geben. Zur Gruppe der Sepharden gehörte übrigens auch Elias Canetti, geboren 1905 in Rustschuk/Bulgarien, der in seinem Buch „Die gerettete Zunge“ von seiner Kindheit in einer vielsprachigen Umgebung erzählt.
Aber genug von Canetti, der mir schnell auf die Nerven ging – ich wollte etwas über die sprachliche Situation der damaligen Zeit in seiner Heimat erfahren und legte mir deshalb das Buch zu, doch je weiter ich las, desto mehr war von seiner verdrehten Beziehung zu seiner Mutter die Rede – kommen wir zum Zweck dieses Posts, zur Musik der Sepharden. Gesungen wird in einer Sprache, die dem heutigen Spanischen sehr ähnlich und für jede_n des Spanischen Kundige_n problemlos verständlich ist, die Melodien klingen deutlich „orientalisch“ (weiß keinen besseren Begriff).
Beginnen wir mit „Irme kero“, gesungen von Yasmin Levy, einer sehr bekannten Interpretin traditioneller sephardischer Musik – aber nicht nur. Das Thema ist Sehnsucht nach Jerusalem, die sehr poetisch ausgedrückt wird: „Irme kero madre a Yerushalayim / Komer de sus frutos, bever de sus aguas“ („Mutter, ich möchte nach Jerusalem gehen / Von seinen Früchten essen, von seinen Wassern trinken“. Sind es wohl süße Früchte…? ;) )
Teilweise mit Yasmin Levy verglichen wird die ein Stück jüngere Mor Karbasi. Von ihr stammt meine liebste Interpretation des Liedes „Morenica“ („dunkles Mädchen“), an der Gitarre ist vermutlich ihr Lebensgefährte Joe Taylor. Das Stück ist übrigens auch auf Hebräisch unter dem Titel „Shecharchoret“ bekannt; hier gefällt mir die Version von Esther Ofarim (meine Göttin!) am meisten.
Eine junge Frau kommt auch in „A la una yo naci“ (auf Deutsch wiedergeben würde ich das mit „Bei eins wurde ich geboren“) zu Wort; hier bevorzuge ich die Version von Françoise Atlan. Zum ersten Mal gehört habe ich das Lied übrigens ganz unerwartet auf einem Mittelalterfest, von der Gruppe Lai Quendi.
So, eins noch: „Abre tu puerta cerrada“. Ja, „Öffne deine verschlossene Tür“ – ich muss da immer an das Motiv des exclusus amator aus der römischen Liebeselegie denken, aber vielleicht bin das nur ich. Die von mir ausgewählte Version mit großem Orchester ist eher untypisch, aber ich mag sie.
Wem das noch nicht genug ist, empfehle ich eine weitere Beschäftigung mit dem Thema – YouTube bietet noch so manches und zumindest von Yasmin Levy und Mor Karbasi sind problemlos CDs erhältlich.


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