Späte Antwort

„Spóźnionych słów / Nie czeka nikt“ singt Edyta Bartosiewicz; „auf Worte, die zu spät kommen, wartet niemand.“ Da mag sie recht haben – aber vor ein paar Monaten wurde mir eine Frage gestellt, auf die ich erst jetzt eine Antwort weiß.
Die Situation: Ich wurde zum Thema Asexualität interviewt und unter anderem gefragt, ob ich irgendwelche Vorteile darin sehen würde, asexuell zu sein. Meine spontane Antwort lautete, meine Orientierung sei für mich „neutral“, weder positiv noch negativ. Ich empfinde mich nicht als gestört und habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen; andererseits möchte ich mich aber auch von positiven Vorurteilen distanzieren.
Was mir jedoch im Nachhinein einfiel: Ich empfinde es im Grunde als positiv, gerade jetzt asexuell zu sein. Nicht vor zehn, zwanzig oder gar fünfzig Jahren, als die Orientierung noch völlig unbekannt war, keine Informationen verfügbar waren und keine Gemeinschaft existierte und auch nicht in ein paar Jahrzehnten, wenn vielleicht alles einfacher sein wird. Jetzt eine junge Asexuelle voller Tatendrang zu sein bedeutet für mich, aktiv werden zu können, Dinge mitgestalten zu können. Es gibt noch viel zu tun und ich kann mich beteiligen.
Meine „Karriere“ als asexy Aktivistin begann im Sommer 2009, als ich zum ersten Mal an einem Infostand mithalf. Seitdem habe ich mich öfter hingehockt und wahlweise nassregnen oder in der Hitze kochen lassen (und dabei Bonbons gegessen), bin auffällig gewandet (wenn auch nicht ganz so auffällig wie eine gewisse andere Lady…) und mit Flyern in der Hand kilometerlang bei CSD-Paraden mitgelaufen, habe (unter diesem und anderen Namen) einige Artikel veröffentlicht, wurde interviewt und habe zumindest in kleinerem Rahmen zum Thema gesprochen.
Ich muss sagen, dass dies alles mein Leben bereichert hat. Hätte ich nicht diverse eigene Artikel über Asexualität verfasst, hätte ich wohl nie einen Blog zu meinen unterschiedlichen Interessengebieten gestartet. Bei CSDs gilt es, kreativ zu sein (was kann ich nur in Flaggenfarben tragen?) und auch meine Geographiekenntnisse haben sich verbessert bzw. konkretisiert: Lange war mir Stuttgart nur ein Name, inzwischen war ich schon zweimal in meiner Eigenschaft als Vertreterin der asexuellen Preußen ;) dort und werde in diesem Jahr wohl Mannheim kennenlernen. Vielleicht lerne ich es sogar irgendwann, die einzelnen in Baden-Württemberg lebenden Volksstämme auseinanderzuhalten und nicht alle pauschal als „Schwaben“ zu bezeichnen…
Und an sich war es mir immer unangenehm, in Form von Referaten u.ä. vor anderen zu sprechen bzw. ich war überzeugt, das nicht gut zu können. Wenn ich aber gefragt werde, ob ich nicht ein paar Dinge zum Thema Asexualität erklären bzw. vor Publikum Fragen beantworten kann, mache ich es in der Regel doch und es ist dann gar nicht so schlimm wie befürchtet. In Fällen von „wenn ich es nicht mache, macht es keiner“ darf man nicht so zurückhaltend sein. :)
Vielleicht hat jeder im Leben seine besondere Aufgabe und vielleicht ist dies meine. Ehrenamtlich übersetzen (ich mache das seit Jahren ab und an) tun andere auch, Tier- oder Umweltschutz sprechen mich nicht wahnsinnig an, Politik ist mir meistens zu kompliziert, aber auch Aufklärung über eine seltene sexuelle Orientierung kann eine Form von Engagement sein. Ich habe Spaß dabei und das Gefühl, dass es nicht ganz umsonst ist und freue mich auf alles, das mich in dieser Hinsicht im Jahr 2014 erwartet.


2 Antworten auf „Späte Antwort“


  1. 1 Carmilla DeWinter 12. Januar 2014 um 23:00 Uhr

    Ich hab es schon vor ein paar Tagen versucht, aber da war wohl der Spamfilter schneller…

    Meine positiven Seiten sind ein bisschen anders. Ich fühle mich pudelwohl in meiner nun nicht mehr ganz so neuen Nische, deshalb bin ich auch insgesamt „lauter“ geworden. Bauchfrei bei der Demo? Hätte ich vor noch fünf Jahren nicht zu träumen gewagt.

    Außerdem habe ich einen Haufen Zeug gelernt und eine Horizonterweiterung ohne gleichen erfahren.

  2. 2 Fiammetta de Bornelh 13. Januar 2014 um 8:20 Uhr

    Von deinem ersten Versuch habe ich nichts gemerkt, keine Ahnung, was da los war.
    Das mit dem Lernen und der Horizonterweiterung gilt auch für mich. Ganz abgesehen von unserem eigenen „Asexinesisch“ habe ich auch viel über Geschlechtsidentität gelernt, es kommt in der asexuellen Community ja auch so einiges zur Sprache, das nicht direkt unsere Orientierung betrifft.

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